Maulana Sheikh Nazim„Alles auf Erden ist Erde"
Wir kennen ein treffendes Sprichwort im Islam: „Alles auf Erden ist Erde.“ Hier wird mir der eine oder andere widersprechen wollen und sagen: „Was soll das heißen – wir sind doch Menschen aus Fleisch und Blut, wieso sind wir Erde?“ Doch, sage ich, ihr seid alle aus Erde. Wenn man einen Toten begräbt und ihn einige Jahre – ein Jahrzehnt vielleicht – in der Erde liegen läßt und ihn dann wieder ausgräbt, was wird dann zum Vorschein kommen? Nichts als Erde. Wie ist das möglich? Wir hatten hier einen Mann beerdigt, wo ist er hin? Wer hat ihn gestohlen?“ Nein, keiner hat ihn gestohlen.
Es verhält sich vielmehr so, wie der Spruch besagt: „Alles auf Erden ist Erde“ – alles, ob Baum, Mensch oder Tier – alles, was auf Erden lebt, muß zu Erde werden. Allah der Allmächtige erschuf diese Körper und gab ihnen Erscheinung und Bewegung, indem Er der Erde Sein göttliches Geheimnis einhauchte; und wenn Er Sein Geheimnis wieder entzieht, d. h., wenn Er unsere Seelen von uns zurückfordert, dann ist es mit uns aus. Unser Leben währt nur einige kurze Tage. Am Anfang ist unser Becher leer; jeden Tag tropft ein Tropfen hinein, bis daß das Maß voll ist. Dann tritt der Engel des Todes heran und spricht zu uns: „Trink deinen Becher aus.“ Wenn unsere vorherbestimmte Zeit abgelaufen ist, wird das Maß voll sein, und wir werden es austrinken. Und wenn wir getrunken haben, dann ist unser Ende gekommen. Jeden von uns erwartet dieser Moment.

Wer mit dem Herzen sehen kann, der weiß, daß nach drei mal vierzig Tagen nach der Empfängnis die Seele des Kindes vom Himmel in den Schoß der Mutter hinabsteigt. Manchmal wird nur kurze Zeit, nachdem die Seele hinabgestiegen ist, ein Pfeil vom Himmel abgeschossen. Dies ist der Pfeil der bestimmten Frist. Zuweilen trifft dieser Pfeil sein Ziel noch innerhalb selbiger Stunde, in der die Seele in den Körper eingetreten ist, und dieser Mensch stirbt im Mutterleib, ohne je das Licht der Sonne erblickt zu haben. Einen anderen trifft der Pfeil eine Stunde nach seiner Geburt, wieder einen anderen nach einer Woche, nach einem Jahr, fünf Jahren, fünfundsiebzig oder hundert Jahren; wann immer aber die Lebensspanne eines Menschen abgelaufen ist, läßt er seinen Körper liegen und macht sich davon. Wir müssen uns bewußt sein, daß solch ein Pfeil in jedem Moment – auch jetzt – auf uns gerichtet ist und früher oder später auf sein Ziel losschnellen wird. Wir wissen, daß diese Geschosse ihr Ziel niemals verfehlen. Aber Allah der Allmächtige hat diese Pfeile vor unseren Blicken verborgen, damit wir uns in Sicherheit wiegen können. Könnten wir nämlich all die vielen Pfeile auf ihre Ziele zuschnellen sehen, würden wir uns keinen Schritt mehr zu machen trauen, aus Angst, von einem Pfeil getroffen zu werden! Deshalb hat Allah der Allmächtige sie vor uns verhüllt, damit wir in aller Seelenruhe unseren Lebensaufgaben nachgehen können, ohne ständig an den Tod denken zu müssen. Es ist eine Manifestation Seiner Barmherzigkeit gegen uns, daß Er diese Tatsachen unserer ständigen Wahrnehmung entzieht. Dennoch dürfen wir niemals vergessen, daß der Tod uns immer näher rückt und daß der Zeitpunkt, da der Pfeil auf uns abgeschossen wird, stetig naht.

Wir werden einsehen müssen, daß es in diesem Leben für den Menschen keine Sicherheit gibt. Wir müssen „reisefertig“ sein, wie einer, dem man angekündigt hat: „Morgen wirst du zu einem schönen Ausflug abgeholt werden.“ Wenn wir ein solches Unternehmen in Aussicht haben, packen wir schon am Vorabend unsere Koffer und können vor Aufregung die ganze Nacht kaum ein Auge zutun. Sobald der Morgen dämmert, hüpfen wir aus dem Bett, kleiden uns an und warten draußen vor der Haustür auf Abholung. Genauso muß unsere Einstellung zum Tode sein. Wir müssen uns sagen: „Heute vielleicht, oder morgen; ich muß bereit sein, zu meinem Herrn zu reisen!“

Rabi‘a al-Adawiyya, eine der bedeutendsten heiligen Frauen im Islam, sagte einmal: „Ich habe meinem Ego (Nafs) nie gestattet zu glauben, es werde auch nur einen Tag noch weiterleben. Statt dessen sprach ich zu ihm: ‚O Rabi‘a, du mußt wissen, daß dies die letzte Nacht deines Lebens sein wird: Du hast zwar den Sonnenuntergang erlebt, aber den Sonnenaufgang wirst du nie erblicken. Deshalb mußt du dich in dieser Nacht sehr ernsthaft deinen Gebeten und deinem Gottesdienst widmen, damit du möglicherweise auf das Wohlgefallen deines Herrn hoffen kannst.‘ Auf diese Weise gelang es mir, in jeder Nacht eintausend Sajdas zu beten.“ Wenn Rabi‘a des nachts in ihrer dunklen Zelle so inbrünstig betete, wurde diese von göttlichem Lichtschein umstrahlt. Und wenn sie sah, daß der Morgen angebrochen war, sagte sie zu ihrem Ich: „O Rabi‘a, warte nicht bis zum Abend, um deine Andacht zu verrichten. Du hast zwar diesen Sonnenaufgang gesehen, aber ihren Untergang erlebst du nimmermehr.“ Wegen ihrer großen Inbrunst und Hingabe verlieh ihr Allah von Seiner Liebe, so daß sie immer in der Liebe Gottes versunken war und von diesem Leben und der Welt nichts mehr verlangte oder erwartete. Ihr Herz war so von der Liebe des Herrn durchtränkt, daß alles andere ihr schal schmeckte und in ihrem Herzen keinen Platz finden konnte.

Allahs Heilige sind des Todes immer eingedenk und erwarten ihn in jedem Augenblick. Es lebte einmal ein Mann, der war ganz versunken in der Anbetung seines Herrn, als der Engel des Todes zu ihm entsendet wurde, um seine Seele heimzuholen. Der Engel sprach zu dem Mann: „O Diener meines Herrn, ich bin gekommen, deine Seele zu entführen, bist du bereit?“ „Ja, ich bin bereit“, gab der Mann zur Antwort. „Mein Herr hat mir gestattet, dir Verzug zu gewähren, bis du dein Haus bestellt und mit allem abgeschlossen hast, bevor ich dir deine Seele nehme“, sagte der Engel. „O Engel meines Herrn, alles ist bereit und abgeschlossen, nichts bleibt mir mehr zu tun; denn seit vierzig Jahren erwarte ich dich täglich und stündlich, und ich frage mich beständig, von welcher Seite du dich wohl nähern wirst. Jetzt bist du endlich gekommen und fragst mich, ob ich auch bereit sei? Seit vierzig Jahren bin ich bereit! Ich bitte dich jetzt nur noch um Zeit für ein Gebet von zwei Sajdas (Niederwerfungen). In meiner letzten Verneigung magst du mir dann die Seele nehmen. Dies ist meine letzte Bitte an meinen Herrn: daß ich Ihn mit meinem letzten Atemzug loben darf, um als gehorsamer Diener in die Ewigkeit einzugehen.“

Heute, viel mehr noch als zu früheren Zeiten, beschäftigt diese Welt der Dinge die Menschen so stark, daß sie völlig von ihr besessen sind. Sie jagen hinter weltlichen Gütern her, und wenn sie sich bis in Reichweite herangekommen wähnen, nehmen sie einen gewaltigen Anlauf und greifen blindlings zu. Später sehen sie sich an, was es ist, das sie sich geschnappt haben, und sie müssen erkennen, daß es gar nichts war! Kinder werden mit leeren, offenen Händen in diese Welt hineingeboren, und Sterbende verlassen die Welt ebenso. Von dieser Welt nehmen wir im Sterben nichts mit, außer vielleicht einem Leichentuch, und viele Leute nehmen nicht einmal das. Das ist letztlich unser ganzer Anteil an der Welt. Das Turbantuch, das wir tragen, ist ausreichend, um den Leichnam zu bekleiden, und wird auch zu diesem Zweck benutzt. Durch das Tragen eines Turbans werden wir an den stetig nahenden Tod erinnert und somit gemahnt, daß jede Handlung unsere letzte sein könnte, weshalb wir uns allzeit größte Mühe geben sollten in all unserem Tun und Handeln. Nach den faden Freuden dieser Welt, die in Wirklichkeit gar keine Freuden sind, kehren wir zu unserem Herrn zurück und lernen bei Ihm die wahren Freuden kennen. Je mehr wir uns Ihm zuwenden können, mit desto größerer Sicherheit werden wir die wahre Freude erleben können; aber wenn wir den Weg Seines Wohlgefallens verlassen, verfallen wir einem höllischen Dasein. Wer einmal von der göttlichen Liebe gekostet hat, der kennt keine andere Sehnsucht, als die nach der Liebe Gottes und der Betrachtung Seines Heiligen Angesichts, in diesem Leben wie auch im Jenseits.

London - 01.07.1981


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