Maulana Sheikh NazimDer geheime Pfad

Im Namen Allahs, des Gnädigen, des Allbarmherzigen

Unser Schöpfer ist allmächtig und einzigartig. Er hat Macht über
alle Dinge. Niemand kann erschaffen, was er erschafft.
Seht euch ein Gesicht an und sucht, ob ihr ein ihm gleiches
findet. Alle Gesichter haben zwei Augen, eine Nase, eine Zunge,
Lippen, zwei Ohren. Zwei, vier, sechs Organe schaffen eine
unendliche Zahl unterschiedlichster Gesichter. Schaut, ob ihr zwei
identische findet: Zwei Augen mögen gleich sein, aber dann unter -
scheidet sich die Nase, ist der Mund gleich, unterscheiden sich
die Augen, oder die Form der Ohrmuscheln wird unterschiedlich sein.
Der Schöpfer schuf die Menschheit im allgemeinen nach der gleichen
Form, und dennoch hat jeder Mensch seine ganz eigene Erscheinung.
Es gibt einen Ausspruch der Aulia: “Gelobt sei unser Herr, der die
Herzen so schuf, dass ein jedes auf eine andere Weise für etwas
schlägt.“

Nun sprechen wir über unsere äußere Erscheinungsform, die zeitlich
und vergänglich ist, aber über unseren Körper hinaus besitzen wir
unser spirituelles Wesen; denn ebenso wie wir eine äußere
Erscheinung haben, gibt es unser inneres Wesen. So wie unser
Schöpfer uns Menschen millionenfach unterschiedlich in der äußeren
Erscheinung erschaffen hat, so unterscheiden sich unsere inneren
Wesen in noch viel größerem Maß voneinander, Jeder trägt ein
anderes, ganz charakteristisches Sein in sich.

Der Schöpfer, der unser Herz geschaffen hat, sieht auf das
Herz mehr als auf irgendein anderes Teil von uns.
Man sagt nicht A und greift sich an den Kopf, wenn uns etwas trifft,
sondern wir fassen uns ans Herz, denn unser Herz ist der wichtigste
Teil unseres Körpers, soviel wichtiger als der Kopf. Das Herz ist der
Sultan und alle anderen Körperteile sind ihm untergeordnet.
Unsere wahre Persönlichkeit ist in unseren Herzen eingepflanzt
und ein jeder besitzt in der göttlichen Gegenwart eine ganz eigene
und spezielle Persönlichkeit.

Deshalb lässt der Schöpfer der Herzen die Herzen sich auf die
unterschiedlichste Weise beschäftigen. Ein jeder sieht auf seine
ganz eigene Weise zu seinem Herrn und ein jeder besitzt seinen
eigenen, ganz speziellen Kanal zu seinem Herrn. Und glücklich
sind diejenigen, die ihren Kanal reinigen können.

In unserer Zeit sind sich die Menschen dieses Kanals nicht mehr
bewusst und er ist verschlossen, Wie ist das möglich? Was ist der
Grund dafür?

Die Ursache sind die nicht endenden Wünsche und Verlangen unseres
physischen Körpers, die nicht zulassen, dass wir uns um diesen
Kanal bemühen.

Kaum haben wir morgens unsere Augen geöffnet, fangen wir an zu
rennen bis zum Abend. Ich frage euch:“ Hinter was rennt ihr her?“
Fußballspieler rennen hinter einem Fußball her. Wofür rennt ihr
den ganzen Tag? Es ist kein Fußball da. Und am nächsten Tag das-
selbe von vorn. Wofür? Habt ihr irgendetwas erreicht? Ihr sagt:
‘Nein, morgen fangen wir an!‘ Und auf diese Weise rennen wir und
unsere Hände bleiben leer. Bis schließlich ein Bescheid von oben
kommt, dieser Mann wird pensioniert, er ist müde, erledigt und
bekommt jetzt seine Pension. Und dann sitzt er in einem Sessel,
und dann liegt er in einem großen Mercedes und wird zu jenem
Stück Land unter die Bäume gebracht, wo er sich ausruhen kann.

Die Menschen wissen nicht, warum sie rennen, warum und wofür sie
leben. Sie nehmen sich keine Zeit, sich hinzusetzen und nach sich
selbst, nach innen zu schauen. Ein Jeder ist nur mit Allem um ihn
herum beschäftigt. Damit beschäftigt und daran gekettet. Mit einem
Wort: Wir sind alle Sklaven, nicht die geringste Willenskraft ist in
unseren Händen. Wir sind nicht frei. Wir verlangen immer nach
Freiheit. Das Verlangen nach der totalen Freiheit macht Sklaven
aus uns, denn die grenzenlose Freiheit bedeutet, unseren
nicht endenden, grenzenlosen Wünschen den Weg zu bahnen,
Das ist der Punkt, weshalb die Menschen nach immer mehr Freiheit verlangen.
Jedes Hindernis soll aus dem Weg geräumt werden, um sich möglichst
jeden Wunsch erfüllen zu können. Aber die Regeln, die der Schöpfer den
Menschen gegeben hat, sind ein Hindernis.

Die Jugend verlangt ihre grenzenlose Bedürfnisse und Wünsche zu
befriedigen, aber der Schöpfer lässt ihre Hände nicht heranreichen.
Ihre Pferde mögen laufen mit aller Kraft, aber die Ebene, auf der
sie sich austoben können, ist klein, Kommt die Jugend ins reifere
Alter, ist mehr Raum da für ihre Pferde, aber diese werden
schwächer.

Dies ist das Gleichgewicht, das der Allmächtige für die Menschen
Schuf. Wäre es nicht so, würde dieses Leben furchtbar sein.
Die Jugend verlangt nach mehr und mehr Freiheit, um ihre endlosen
Bedürfnisse zu befriedigen, aber die Steigerung unserer Begierden
und Wünsche beschneidet unsere Freiheit mehr und mehr.
Zeigt mir Einen, der von sich sagen kann: ,ich bin am Ziel meiner
Wünsche und Begierden angelangt. Ihr werdet keinen finden.
Glaubt nicht, dass jemand, der von Jugend an seinem Verlangen und
dessen Befriedigung hinterherrennt, dieses aufgeben kann, wenn er
alt ist. Er wird nicht sagen, ,ich hatte alle Möglichkeiten, mich
auszuleben, als ich jung war, nun brauche ich es nicht mehr.‘
Die Begierden versklaven euch. Hütet euch davor, ihre Sklaven
zu werden. All eure Verlangen und Begierden gehören zu denen eures
physischen Körpers und sie betrügen euch. Ein Mensch mag 80 oder
90 Jahre alt werden, er wird noch immer Hunger und Durst spüren
und sein Körper wird noch immer nach Schlaf verlangen. Obwohl er
nun schon so viele Jahre getrunken, gegessen und geschlafen hat,
ist er nicht in der Lage, auch nur einen Tag die Geduld aufzu-
bringen, seinen Durst, seinen Hunger und seine Müdigkeit zu
bezähmen. So viele Jahre hat er die Liebe genossen, aber er sagt nicht:
Ich habe so viel geliebt, jetzt ist die Zeit vorüber, es
ist genug, ich bin zufrieden.‘ — Nein — er oder sie beklagen sich
bitter, , jetzt ist mir alles genommen.‘

Das sind Beispiele, wie es um unsere physischen Verlangen steht.
Essen, Trinken, Sexualität, all unser Handeln dreht sich um diese
drei Dinge, und sie führen uns in die Irre, weil wir niemals auf
diese Weise zufrieden werden können. Niemand kann sagen, erst
werde ich meine physischen Bedürfnisse befriedigen und mich
anschließend dem spirituellen Leben zuwenden; denn solange ihr lebt,
werden euch eure physischen Verlangen nicht verlassen. Ihr werdet
niemals frei sein von dem, wonach euer Körper verlangt. Wenn ihr
bis zu dem Tag wartet, an dem ihr euer Leben verlasst, ist Schluss,
Ende; euer Geist verlässt dieses Leben und ihr habt eure einmalige
Gelegenheit verpasst.

Euch ist eine Chance gegeben durch euer Herz. Durch diesen Kanal,
der den Weg darstellt zur göttlichen Gegenwart eures Herrn.

Es ist ein geheimer Pfad, der nur dem allmächtigen König gehört,
und denen, die ihm dienen. Und Er sagt zu Seinen Dienern: ,Oh
meine Diener, kommt zu Mir auf diesem geheimen Pfad.‘

Wie erfreut wären unsere jungen Männer hier, wenn ihre
Märchenprinzessin zu ihnen sagen würde: ‘Ich habe einen
geheimen Weg für dich, wie du jede Nacht zu mir kommen kannst.‘
Selbst ein 99jähriger würde sich aufmachen.
Sie würden nicht mehr ruhen und rasten und an nichts anderes mehr
denken. Und meine Töchter? Wenn ihr Traumprinz ihnen erscheinen
und ihnen von einem geheimen Pfad erzählen würde, den er für sie
hat,— oder verspräche, über diesen zu ihnen zu kommen in der
Nacht... Jede würde sich bereit halten, ihn zu empfangen.
Soweit die körperlichen Freuden.

Euer Herr ruft euch, ‘Ich habe einen geheimen Weg für euch, Meine
göttliche Gegenwart zu erreichen.‘ Aber wir haben kein Interesse,
weil wir versklavt sind. Er möchte, dass ihr Prinzen und
Prinzessinnen seid und keine Sklaven. Ihr sollt geadelt sein und nicht
ein unwürdiges Dasein führen. Edle sollt ihr sein, die ihr Ego
befehlen.

Ein Mensch kann ein einfacher Arbeiter sein, ein Bauer. Er ist ein
Edler, wenn er sein Pferd beherrscht. Dann ist er ein Prinz in
der göttlichen Gegenwart. Aber wenn ein Prinz von Geblüt nicht
in der Lage ist, sein Pferd, sein Ego zu beherrschen, so ist er
ohne Adel. Dann besitzt er nichts weiter als einen würdigen Titel,
aber es ist kein wahrer Titel, der ihm zusteht.

Derjenige, der in der Lage ist, seine Bedürfnisse und Verlangen
unter Kontrolle zu haben, der ist ein Edler, ein Adliger.
Und dies kann ein einfacher Mensch sein, ein Straßenkehrer.

Gott, der Allmächtige sieht nicht auf den Rang, den er in diesem
Leben bekleidet. Er sieht auf eure Eigenschaften. Könnt ihr
Selbstbeherrschung üben, habt ihr euch unter Kontrolle oder nicht.

Die Menschen befinden sich auf zwei verschiedenen Ebenen: Die
einen kontrollieren sich selbst, ihre Verlangen und Begierden —
diese sind Geehrte in der göttlichen Gegenwart —, die anderen
werden von ihren Egos beherrscht, sie sind nicht in der Lage,
ihre Bedürfnisse zu kontrollieren. Sie sind Sklaven, auch wenn sie
Könige, Präsidenten oder Premierminister sind. Das ist ohne
Bedeutung. In der göttlichen Gegenwart sind sie Sklaven, ohne Ehre
und Würde.

Schaut euch selbst an, meine Töchter und Söhne, seid ihr Sklaven
oder freie Prinzen und Prinzessinnen?

Wenn ihr weiterhin Sklaven sein wollt... es steht euch frei.
Wenn nicht, dann wendet eure Aufmerksamkeit eurem bedeutsamen
inneren Wesen zu und bemüht euch, euren Kanal zu klären, der die
Verbindung zur göttlichen Gegenwart eures Herrn darstellt.
Ich erbitte von meinem Herrn, dass die unendlichen Meere der Barm-
herzigkeit durch eure Herzen fließen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die endlosen Ozeane der Liebe
durch eure Herzen fließen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die unendlichen Meere des Wissens
meines Herrn durch eure Herzen fließen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die endlosen Meere der Weisheit
sich in eure Herzen ergießen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die unendlichen Meere der
Schönheit durch eure Herzen fließen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die unendlichen Meere von Nur,
die endlosen Lichtmeere sich in eure Herzen ergießen mögen.

Ich erbitte von meinem Herrn, dass die unendliche Großzügigkeit
meines Herrn durch eure Herzen fließen möge.

Ich erbitte, dass alle unendlichen Meere, die seiner göttlichen
Gegenwart angehören durch eure Herzen fließen mögen.

Wa min Allah at — taufiq


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