Maulana Sheikh NazimDer Gläubige ist wie ein Jäger
Dies ist ein Beispiel, wie ein Diener sein soll, in der Stille und in der Bewegung: Der Mu’min ist wie ein Jäger. Er macht sich auf in die Wildnis. Er hat nur eine begrenzte Anzahl von Pfeilen, denn er kann nur soviel mitnehmen, wie er tragen kann. Er muß darauf achten, daß er nicht daneben schießt, weil sein Leben davon abhängt. Erst wenn er sicher ist, daß sein Schuß treffen wird, schießt er. Auch wird er darauf achten, daß er seine Munition nicht auf Spatzen verschießt, denn das wäre ein zu kleiner Bissen. Dann muß er auch genau schauen, wo seine Beute hinfällt. Jeden Tag schaut er aus nach neuen Jagdgründen. Tauben oder dergleichen läßt er außer acht wie unverständige Leute, er kümmert sich nicht um sie.
Notwendig für den Gläubigen sind segensbringende Handlungen. Wenn ein Jäger jagt, hängt er sich die Beute entweder an den Gürtel, oder er hat einen kleinen Sack bei sich, den er nach Hause bringen kann. Und so auch ist der Gläubige ein Jäger guter Taten. Wenn er etwas Gutes getan hat, muß er sehr auf der Hut sein, sonst kommt Shaitân und entreißt ihm seine Beute. Das ist ein Befehl unseres Herrn: Seid Jäger des Guten, o Menschen. Das ist der wichtigste Befehl für alle Propheten. Es bedeutet, ein Mensch zu sein.
Das sind unveränderliche Befehle für alle Propheten vom ersten bis zum letzten. Jeden Abend muß man sich fragen: „Was habe ich Gutes geleistet während des Tages, ich Tier?“ „War ich gehorsam?“ Wenn du wenigstens eine gute Sache am Tag gemacht hast, kannst du dich Mensch nennen, sonst bist du ein Tier. Wenn du nichts Gutes getan hast, hast du wenigstens dem Bösen widerstanden. Ein neuer Tag, eine neue Jagd. Gutes in Wort und Tat, guter Charakter, Schlechtes in Wort und Tat, schlechter Charakter. Du kannst jagen mit Worten und Taten und dem Charakter, das heißt, durch dein Sein. Dann kommen Wölfe von Worten und Taten und Charakter und wollen uns um die Beute bringen.

Das Nafs nimmt sich seinen Teil wie der Jagdhund, wenn er die Beute erjagt. Wenn das geschieht, muß er erschossen werden. Wenn ein Mensch schlecht über seinen Bruder spricht (riba), nehmen diese Worte sieben Jahre gute Beute weg. Wie erschießt du dieses Biest, um beim Beispiel über Nachrede zu bleiben: Halte deinen Mund! Der Mensch ist geschaffen, um in der Gesellschaft zu leben. Ursprünglich ist das Nafs der Menschen wild. Es hat es nicht gern, sich mit anderen zu verbinden. Das ist etwas von der Wirklichkeit seiner tatsächlichen Beschaffenheit. Es wird sich mit niemandem zusammentun, außer es hat seinen Eigennutzen davon. Nein, nicht einmal mit jemandem sprechen. Sogar nicht einmal mit seiner eigenen Frau.
Die Religionen sind gekommen, um die Menschen freundliche Gesinnung zu lehren und wie sie miteinander umgehen sollen. Jemand, mit dem man sich nicht anfreunden kann und der mit niemandem befreundet ist, der ist schlecht. Deswegen hat Muhammad œ die Menschen zu freundlichem Umgang miteinander angehalten. Das ist notwendig und wünschenswert. So will es Allâh. Daß die Menschen liebevoll zueinander sind. Die Grundlage dessen ist, daß sie sich gegenseitig besuchen. Wenn es das Zusammensein gibt, ist die Gesellschaft stark und stabil. Das ist Bedingung, wenn man Islam verbreiten will. Und das trifft auf alle Religionen zu. Wenn es keine guten gegenseitigen Beziehungen gibt unter den Menschen, wird die Religion bald verkommen. Wenn etwas selten wird, wird es kostbar.
Darum, wenn dieses Sich-liebevoll-zu-Begegnen in der Gesellschaft selten wird, wird es von besonderem Wert für die Menschheit. Der Prophet, Allâh segne ihn und schicke ihm Heil, sagte, daß die menschlichen Beziehungen in der Endzeit derart schlecht sein werden, daß „wenn ein Gläubiger einen anderen besucht, sein Verdienst genausogroß sein wird, als wenn er mich zu Lebzeiten besucht hätte, und er wird meine Fürsprache erhalten.“ Heutzutage eilen die Leute nach Medina, um sein Grab zu besuchen, aber sie beachten kaum einen anderen Glaubensbruder, obwohl jenes vielfach besser wäre.
Selbst wenn es nur ein Mensch ist irgendwo allein, muß man hingehen, und wenn nur für fünf Minuten, und gute ermunternde Worte sprechen. So strömt Kraft durch die Gesellschaft.
Damascus - 01.01.1979
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