Pictures of Maulana Sheikh Nazim Der Schatz

Indien ist ein erstaunliches Land, voller seltsamer und ungewöhnlicher Gebräuche. In einer bestimmten Gegend Indiens war es Brauch, die Bevölkerung einmal pro Jahrhundert zu einer allgemeinen Versammlung zusammenzurufen. Nur einmal in hundert Jahren, aber dann mußte jeder, der zu dieser Zeit im Königreich lebte, ohne Ausnahme der Versammlung beiwohnen. Selbst Neugeborene mußten dabeisein. Auf dieser Versammlung sprach dann nur eine Person zu den versammelten Massen. Wer? Nur der, der das vorhergehende Treffen besucht hatte und noch immer am Leben war. Und dieser Alte sprach ungefähr diese Worte: "Oh, meine Söhne und meine Töchter, vor hundert Jahren war ich ein kleines Kind, und mein Großvater nahm mich bei der Hand und brachte mich hierher. Oh, meine Söhne und meine Töchter, außer mir lebt keiner mehr, der beim vorigen Treffen anwesend war. Und ihr seid jetzt zwar hier, lebendig und atmend, aber beim nächsten Treffen im nächsten Jahrhundert wird von euch außer einem oder zwei, die heute erst Säuglinge sind, niemand mehr da sein."

Das war ein seltsamer Brauch, aber kein nutzloser. Ein Brauch, durch den den Menschen verdeutlicht wurde, daß sie nicht für immer auf dieser Erde sein würden. Die

Lektion war sehr wirksam für die ganze Bevölkerung, sie erinnerte jeden daran, daß er nur Gast in einer Karawane ist. Vor allem junge Leute sollten durch diesen Brauch an die Flüchtigkeit des Lebens auf dieser Erde erinnert werden, was gerade sie in der Hitze jugendlicher Kraft leicht vergessen. Sie wurden mit der Tatsache vertraut gemacht, daß der Schatz, den sie noch im Augenblick besitzen, schnell zerrinnen wird. Im Rückblick auf ihr Leben sehen die Menschen die Jugend als die kostbarste und wundervollste Zeit an. Ist dieser Schatz aber einmal vergeudet, bringt ihn nichts zurück, und für den Rest ihres Lebens werden sie bedauern, wie sie jenen Schatz verschleuderten und nichts an seine Stelle zu setzen haben. Hätten sie nur mit Weisheit von ihm gezehrt und sich nicht durch den Besitz verrückt machen lassen, könnten sie sich ihrer Jugend mit Freude und nicht mit Bedauern erinnern und würden sogar etwas von diesem Schatz durch ihr ganzes Leben tragen.

Aber heutzutage sind die Leute so zügellos, daß die Jugend nicht mehr wie früher bis zum Alter von dreiunddreißig Jahren dauert, sondern schon mit dreiundzwanzig vorüber ist. In der Zukunft wird es wohl schon mit dreizehn soweit sein. Dann werden die Jungen in diesem Alter bereits physisch und geistig verbraucht sein.

Wenn ein junger Mensch die Pubertät erreicht, entdeckt er, daß er in das große Meer gefallen ist und darin schwimmt. Kleine Kinder sind auch schon in diesem Meer, aber sie verstehen es noch nicht. Der Beginn der Pubertät ist wie ein Ansprung von Erstaunlichem und Verwirrendem. Sind die jungen Leute dann nicht vorbereitet zu verstehen, was vorgeht, so gleichen sie jemandem, der fröhlich im warmen Wasser planscht und nichts als sein Vergnügen will. Früher oder später wird er seiner Eskapaden überdrüssig werden und nach dem Ufer ausschauen. Aber leider trug ihn, ohne sein Wissen, eine Strömung vom Ufer hinweg. Wenn er entdeckt, daß ihn diese gefährliche Strömung erfaßt hat, mag er in Reichweite des Ufers sein oder schon zu weit hinaus, um sich noch selbst zu retten. Wer sich in dieser Strömung vergessen hat, muß mit doppelter Anstrengung versuchen, das Ufer zu erreichen. Er muß nämlich nicht nur die Entfernung zurücklegen, sondern auch doppelt schnell und unablässig schwimmen, damit er nicht von der Strömung zurückgetragen wird und dort endet, wo er begann.

Sein Leben wird nur noch aus dem Kampf um eine sichere Rückkehr an das Ufer bestehen. Alle jungen Menschen unserer Zeit sind in diesem Kampf befangen, denn sie wurden weder zu starken Schwimmern ausgebildet, noch macht sie jemand auf die starke Strömung aufmerksam. Wären sie auf diese Situation vorbereitet worden, könnten sie ohne Schwierigkeit ans Ufer schwimmen und dabei noch ihr Vergnügen haben. Statt blind im Kreis herumzuschwimmen, bewegten sie sich geradewegs auf das Ufer zu. Dies würde ihnen Vergnügen bereiten und die Kraft geben, ihr ganzes Leben lang gefahrlos in diesem Meer zu schwimmen, denn nun hätten sie seine Strömungen und das Ausmaß ihrer eigenen Kraft kennengelernt und wären so nie unachtsam.

Wer das Ufer der Ruhe und Sicherheit nicht erlangt, kann sich nicht darauf verlassen, unbegrenzt lang über Wasser zu bleiben. Selbst Maschinen aus hartem Stahl brauchen Ruhe, wie dann erst dieser Sack aus Fleisch und Knochen? Geht lieber direkt auf das Ziel zu, statt zehnmal um den Hügel herumzulaufen! Die Energie der Jugend ist nicht erneuerbar, sie kann nicht nachgefüllt werden wie ein Autotank.

Göttliche Leitung setzt der Jugend Grenzen, damit junge Menschen ihre Schätze nicht verschleudern. Wenn sie die Weisheit göttlicher Leitung erkennen, mögen sie den Schatz der Jugend ihr Leben lang behalten, wenn nicht, werden sie schon in frühem Alter wie wandelnde Leichname sein.

Wer jedoch sein geistiges Leben zu erwecken sucht und selbst mit den vom göttlichen Gesetz erlaubten Vergnügungen Zurückhaltung übt, wird seine Jugendlichkeit länger als jeder andere bewahren. Sein Training für ein spirituelles Leben besteht unter anderem darin, ein einfaches Leben zu führen und nicht alles zu tun, was das Gesetz erlaubt. Unser Großscheich wurde über hundert Jahre alt und war so stark wie ein junger Mann. Als die Ärzte ihn einmal untersuchten, waren sie verblüfft, daß er den Blutdruck und den Puls eines viel jüngeren Mannes hatte.

Großscheich wies mich auf ein Wort des heiligen Propheten hin, in dem er dem Schäfer riet, etwas Milch im Euter des Mutterschafes übrigzulassen, statt es bis zum letzten Tropfen auszumelken. Der Prophet, Friede sei mit ihm, erklärte, wenn ein wenig Milch im Euter bleibt, werde leicht mehr Milch erzeugt, um es wieder aufzufüllen; aber wenn es bis zum letzten Tropfen ausgepreßt wird, füllt es sich nur schwer wieder. Wir müssen aus diesem Wort einen weitreichenden Schluß ziehen.

Die unbegrenzte Freiheit in unserer Zeit erweckt eine Art von Gier, die junge Leute dazu drängt, ihre Energien so sehr zu verschleudern, daß sie nicht mehr zu erneuern sind. Seht, welch weitreichende Bedeutungen die Lehren unseres Propheten, Friede sei mit ihm, haben: Er sprach zu einem Mann über das Melken von Schafen, aber darin sprach er etwas an, das im Herzen der Probleme unserer Zeit liegt.

Die Menschen des zwanzigsten Jahrhunderts brauchen nichts dringender als die Lehren des letzten Propheten, vor allem die jungen Leute; selbst Millionen von Psychiatern werden ihnen nicht helfen können, und weder Millionen von Ärzten noch Tonnen von Medikamenten werden ausreichen, ihre Krankheiten zu heilen. All diese Anstrengungen werden wie ein Tropfen im Munde eines Verdurstenden sein. Das ist das Läuten der Alarmglocke. Wenn niemand achtgibt und einschreitet, wird die Welt tiefer und tiefer in den Sumpf sinken.

sufiportal


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