Maulana Sheikh NazimDie Perfektion des Kadavers
Wir befinden uns jetzt im zweiten Monat des Jahres, dem safar, doch auch er läuft schnell dahin. Es ist schon fast Halbmond. Alles tritt so in Erscheinung, wie Allah es wünscht, auf vollkommene Weise. Jede Erscheinung ist vollkommen, sie mag zwar in unseren Augen unvollkommen aussehen, doch in der Realität ist alles vollkommen. Selbst in der Unvollkommenheit ist die Vollkommenheit verborgen.
Alles in der Welt ist von Allah geschaffen, und seine gesamte Schöpfung ist in Vollkommenheit. Die Vollkommenheit der Welt ist, daß sie eine Kugel ist und kein Würfel, und zu ihrer Vollkommenheit gehört, daß sie an den Polen etwas abgeflacht ist. Und alle Kontinente sind auf vollkommene Weise auf ihre Plätze gesetzt. Die Ozeane sind perfekt und auch die beiden Pole, und das ganze Leben auf dem Planeten mit all seiner mannigfachen Vielfalt an Geschöpfen ist von Vollkommenheit, sowie jedes Geschöpf für sich vollkommen geschaffen ist.

Jede Bewegung des Menschen ist perfekt in sich selbst. Alle Handlungen und Regungen an sich und in Beziehung zueinander sind vollkommen angelegt. Die absolute Vollkommenheit ist dem Schöpfer Selbst eigen. Wenn jemand perfekt ist, bedeutet das, daß alles, was von ihm kommt, in Vollkommenheit ist. Wenn von ihm etwas Unvollkommenes kommt, ist er selbst auch nicht vollkommen. Der Herr, Allah der Allmächtige, aber besitzt absolute Vollkommenheit, und somit muß alles, was er erschafft, vollkommen sein, und durch dessen scheinbare Unvollkommenheit zeigt Allah seine eigene Vollkommenheit. Die Awliya’, die Heiligen, sehen alles und sehen Seine Vollkommenheit. Sie sind der Top Level unter den Menschen. Und es ist die höchste Stufe von Adab des Dieners gegenüber seinem Herrn, die Vollkommenheit in allem anzunehmen, weil sein Schöpfer und Verursacher von absoluter Vollkommenheit ist. Wenn du diesen Punkt verstanden hast, wird sich deine Sicht der Dinge verändern, und du wirst selbst in den Ameisen Vollkommenheit erkennen können.

Jede Kreatur besitzt sie, doch es ist leichter, sie in einer Biene zu sehen als bei einer Fliege. Die Bienen sind auch nur eine Art von Fliegen, aber sie machen Honig, während die Fliege nichts offensichtlich Nützliches tut. Unsere Egos erklären immer leicht etwas für vollkommen, wenn es ihnen Freude bereitet. Man mag leicht die Vollkommenheit in einer Kamillenpflanze sehen, doch es ist Vollkommenheit für den Diener Gottes, alles als vollkommen zu erkennen. Wenn du in dir selbst die Vollkommenheit erlangst, dann wechselst du deine Brille und siehst alles als vollkommen. Solange sich die Welt dir nicht so zeigt, bist du selbst nicht perfekt. Das ist wahrer Glaube, fähig zu sein, in allem Perfektion zu erkennen, ein Zeichen dafür, daß du selbst von der Unvollkommenheit zur Vollkommenheit gelangt bist. Und das ist von größter Wichtigkeit für den generellen Frieden unter allen Menschen. Es kann keinen allgemeinen Frieden zwischen den Menschen geben, solange bis sie die Ebene der Vollkommenheit erreichen.

Unvollkommene Menschen kämpfen immer gegen die Vollkommenheit. Sie halten sich selbst für perfekt und bekämpfen die wirklich Perfekten. Warum wurden die Propheten so sehr bekämpft, und sie waren ausnahmslos alle vollkommene Menschen? Ihr Aussehen, ihr Verstand, ihre Stimme, ihr Körper, alles an ihnen war perfekt, doch die unvollkommenen Leute waren so aufgebracht über sie. Sie waren zu dumm, den Propheten Vollkommenheit zuzugestehen. Wenn sie sie nicht als Schwarzmagier bezeichnet hätten, hätten sie ihre Vollkommenheit akzeptieren müssen. Die Propheten hingegen sahen die Vollkommenheit in allen Menschen, die jeder in sich trägt.

Großscheich erzählte einmal die Geschichte von Jesus Christus, wie er mit seinen Jüngern an einem heißen Tag an einen toten Hund vorbeikam, dessen Kadaver an den Wegrand geworfen worden war. Von dem Kadaver ging ein starker Gestank aus, und jeder der Jünger hielt sich die Nase zu und sah zu, schnell daran vorbeizugehen. Nur Jesus Christus bückte sich zu dem toten Körper und öffnete dessen Schnauze. Er rief seine Jünger herbei und zeigte ihnen die schneeweißen scharfen Zähne des Tieres, die vollkommene Harmonie in ihrer Anordnung und Reihenfolge. Während sie das betrachteten, vergaßen sie den üblen Geruch. Dies war eine Lehre für die gesamte Menschheit. Jesus Christus zeigte damit, daß, wer nach der Vollkommenheit sucht, sie selbst bei einem toten Hund finden kann.

Man kann so viele Aspekte von Perfektion entdekken, wenn man sorgfältig danach schaut; wenn man auf die Einzigartigkeit der Dinge sieht, findet man diese Vollkommenheit überall. Das ist ein sehr wichtiger Punkt für Gläubige, denn Allah befiehlt, daß man stets auf der Suche nach Vollkommenheit in allem und durch alles sein soll. Doch im Gegensatz dazu sind wir immer dabei, die unvollkommene Seite an allen Dingen aufzuspüren, und das ist nicht gut, es ist eine unerwünschte Charaktereigenschaft unseres Egos. Wenn wir uns nicht erziehen, fallen wir in die Oberhand des Egos, das die Perfektion für sich selbst in Anspruch nimmt und alle anderen als fehlerhaft abstempelt. Es verlangt danach, allein Nummer eins zu sein. Tariqat, der geistige Weg, verlangt, daß man nach der Perfektion in den Leuten sucht, um von einer Ebene von Vollkommenheit zur nächsten zu gelangen. Das Schauen auf die Vollkommenheit der Kreaturen bringt dich von einer Ebene zur anderen, und in jeder Sekunde bieten sich so viele Wege an, um dich zu ewiger Vollkommenheit zu führen. Ohne diese Methode zu benutzen, kannst du jenen Zustand nie erreichen. Die absolute Vollkommenheit besitzt Allah, und er gibt davon denen Seiner Diener, die immer mit Ihm sind. Wir müssen diesen Zustand der Vollkommenheit in uns bewahren und wissen, daß es auf einen selbst Fehlerhaftigkeit zurückwirft, wenn man in nichts dessen Vollkommenheit sieht.

- 01.01.1993
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