Maulana Sheikh NazimDie Träume der Propheten
Wahrträume eröffnen den Menschen Wege zu den himmlischen Sphären und Kontakte mit spirituellen Wesen. Der heilige Prophet (s.a.s.) hat gesagt, daß ein wirklich spiritueller Traum der vierzigste Teil des Prophetentums sei. Außergewöhnliche Träume zeigen ein inneres Erwachen an und können eine Hilfe für das Erkennen der Wirklichkeit sein. Während des Schlafes laufen die körperlichen Funktionen auf kleiner Flamme weiter; in unseren Träumen aber erleben wir den Einfluß von außergewöhnlichen, seltsamen Kräften. In Träumen sehen wir uns selbst bei allen möglichen Tätigkeiten, manchmal sind es sehr eigenartige Dinge, die wir sehen. Wenn ein Traum sich als Wahrtraum erweist, das heißt, wenn das Traumereignis im Wachzustand tatsächlich eintritt oder es verborgene Aspekte einer Angelegenheit darlegt oder Visionen von Propheten oder Heiligen darin vorkommen, so bedeutet dieser Traum für den Träumer das Erwachen seines spirituellen Lebens, den Beginn seiner Beziehung zu „höheren Sphären“. Das Prophetentum selbst beginnt mit Träumen, die heiligen Schriften berichten vielfach die Jugendträume späterer Propheten. Die nächste Stufe nach dem Träumen ist das Haben von Visionen im Wachzustand: der Umgang mit Allahs verborgenen Dienern, von denen man geheimes, inneres Wissen vermittelt bekommt. Das ist das Anfangsstadium der Prophetie, Zeichen dieses besonderen Erwachens, wie es seit der frühesten Menschheitsgeschichte bekannt ist. Jetzt gibt es auf der Welt Milliarden von Menschen, die den heiligen Gesandten folgen. Um die Situation des Menschen in diesem Leben zu verstehen, ist die Botschaft dieser Gesandten natürlich von größter Bedeutung für die, die an die Propheten glauben. Die Propheten kamen, begleitet von vielen Zeichen, und ihre Weisheit und Wahrhaftigkeit stehen außer Zweifel. Es gibt keinen Beweis gegen die Propheten, keine vernünftige Basis für eine ablehnende Argumentation. Daher sollten wir ihnen Folge leisten und ihre Lehren und Prophezeiungen ernst nehmen. Die Wahrhaftigkeit der Propheten trotz der ergangenen Zeichen und ihres unbestreitbar einwandfreien Charakters in Abrede zu stellen, ist sündhafte Dummheit. Die philosophische Schule des wissenschaftlichen Denkens hat keine Beweisgründe für eine Ablehnung und kann bestenfalls eine Aussage wie „vielleicht, vielleicht auch nicht“ machen. Wissenschaftler überdurchschnittlicher Begabung und intuitiver Erkenntnis sind mit Hilfe ihrer geistigen Fähigkeiten bis an das Tor des Prophetentums herangekommen, sind selbst dem Beweis seiner Existenz begegnet, aber die Geheimnisse der Prophetenwelt können sie niemals durch ihre eigenen Überlegungen erforschen oder ergründen. Um das Geheimnis des Prophetentums zu verstehen, muß man selbst die Gabe der Prophetie bekommen haben. Ein Mann kann nie die Situation einer Frau völlig erfassen, weil er nie eine Frau gewesen ist, und Frauen können auch nie vollkommen die Gefühle eines Mannes verstehen: Ein Kind versteht den Erwachsenen nicht, bis es selbst erwachsen ist. Die Engel allein können die Bedeutung des Engel- Seins verstehen, nur die Propheten die des Prophetentums, und nur die Heiligen die Bedeutung ihres Heilig-Seins. Der Mensch kommt bis an das Tor des Prophetentums heran und kann gerade noch dessen Existenz erkennen; er kann es jedoch weder in Einzelheiten beschreiben, noch kann er das Phänomen wirklich verstehen, solange er sich darüber den Kopf zerbricht; solange er nicht einsieht, daß sein Verstand und all dessen Erzeugnisse hoffnungslos unzulängliche Mittel sind, um diese Erscheinung zu begreifen. Um das Wesen der Prophetie zu entdecken, muß er sich dem Wege der Propheten anschließen und seine Grübeleien beiseite lassen. Auf diese Weise kann vielleicht ein Stück des Prophetentums auf ihn übertragen oder verpflanzt werden. Wenn man einen wildwachsenden Baum veredeln will, pfropft man ihm ein Stück der Rinde eines anderen Baumes auf. Die Wurzel ist zwar noch immer die der wilden Art, sie nimmt aber nach und nach Eigenschaften des anderen Baumes an. Das nennt man Veredelung. Die heiligen Propheten haben auch diese Gabe. Sie können auf empfängliche, aufrichtig strebende Anhänger ihre eigenen prophetischen Attribute verpflanzen. Sie schneiden ein Stück Rinde des betreffenden Egos weg und „pfropfen“ ihm prophetische Attribute auf, so daß sich auch in der Persönlichkeit dieses Menschen das Licht prophetischer Eigenschaften bemerkbar macht. Jener wird zwar selbst niemals zum Propheten, aber seine Fähigkeit zum Schauen, Hören, Sehen und Erkennen wird völlig anders werden und sich von der gewöhnlicher Menschen unterscheiden. Die wahren Anhänger der Propheten erleben diese Erhöhung. Wer sich seinem Propheten mit ganzem Herzen anschließt und ihm nachfolgt und aufhört, seinem Ego zu dienen, der mag am Ende diese Veredelung durch prophetische Gaben empfangen; man nennt ihn dann einen Heiligen (Wali). Einst befand sich Abdullah ibn Umar, der Sohn des Khalifen Umar, Allahs Wohlgefallen sei auf ihm, mit einigen seiner Gefährten auf einer Reise. Als sie an einer bestimmten Stelle vorbeiritten, lenkte er sein Kamel vom Pfade ab, und nach einer kurzen Strecke führte er es wieder auf den Weg zurück. Seine Weggefährten fragten ihn: „Oh, Meister, warum wichest du hier vom Wege ab und kehrtest dann wieder auf ihn zurück?“ Abdullah ibn Umar antwortete: „Liebe Söhne und Brüder, als wir an dieser Stelle vorbeikamen, hatte ich die Wahrnehmung, daß der heilige Prophet, Friede sei auf ihm, an eben jener Stelle vom Wege abwich und an selbiger Stelle wieder auf den Weg einbog, an der ihr mich einbiegen saht. Ich wollte alles genauso machen, wie er es getan hat, und jeden seiner Schritte nachvollziehen.“ Die Heiligen, die Licht vom Lichte des Propheten empfangen haben, sind imstande, solche Feinheiten wahrzunehmen, wie zum Beispiel, wo der heilige Prophet gestanden hat, wo er seinen Fuß hingesetzt, was seine Hand berührt usw., denn sie erkennen an diesen Stellen ein gewisses Licht. In Medina, der Stadt des Propheten, können Heilige (Auliya) solches Licht an vielen Orten erkennen, denn der Prophet hat dort gelebt und gewirkt. Diesen aufrichtigen Suchern wird ein solcher „Pfropfreis“ wunderwirkender Kräfte eingepflanzt, und sie sind die wahren Erben des Prophetentums. Die Religionsgelehrten sind die Erben von Worten, Schriften und Sammlungen von Papier, aber die Auliya sind die Erben des Wesentlichen der prophetischen Überlieferung, des Wirkens und der Eigenschaften des heiligen Propheten. Sie haben die Gabe der „Karamat“, das sind Wunder einer niederen Ordnung als die Wunder der Propheten es sind, doch von der gleichen Essenz, und sie erhalten diese Kräfte aus der Kraft des heiligen Propheten selbst, Friede sei auf ihm. Wir sagen also: Es gibt noch etwas anderes als unseren Verstand. Zu jeder Zeit leben unter uns außergewöhnlich begabte Menschen, und auch wir können uns himmlischen Stationen annähern, wenn wir voll und ganz den Weisungen unseres Propheten Folge leisten. Wenn wir uns in solcher Hingabe vervollkommnen können, dann werden wir die Situation des Menschen in dieser Welt genau verstehen. Keiner hatte ein besseres Verständnis als der gesegnete Prophet Muhammad, Friede sei auf ihm, und er spricht offen davon in seinen Prophezeiungen. Wir finden jetzt diese Prophezeiungen im islamischen Schrifttum, aber nicht jeder, der diese Prophezeiungen liest, versteht ihre tatsächliche Bedeutung. Einst fragte der heilige Prophet, Friede sei auf ihm, einen seiner Gefährten: „O Abdullah, in was für einem Zustand bist du heute früh erwacht?“ Dieser erwiderte: „Wahrhaftig, heute morgen erwachte ich in einem Zustand von wahrem Glauben und von Gewißheit.“ Ich habe das Paradies und das Höllenfeuer erblickt und diese schmale Brücke (Sirat) über das Feuer der Hölle am Tage der Auferstehung; und ich sah die Offenbarung der allmächtigen Allgewalt unseres Herrn und die unzählbare Menge, die vor Ihm versammelt war.“ Ein wirklicher Anhänger der Lehre kann einen Teil der Wahrheit, die den Propheten sichtbar ist, wahrnehmen, wenn der Schleier, der die Sicht des gewöhnlichen Sterblichen umhüllt, gelüftet wird. Die Träume haben bei den Propheten, der Friede sei auf ihnen, eine wichtige Rolle gespielt. So wird im Buch z. B. über die bedeutenden Träume der Propheten Ibrahim und Yusuf sowie des Propheten Muhammad (s.a.s.) berichtet. Zu seiner Zeit war der Prophet Muhammad selbst der be
lefke - 01.07.1983
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