Maulana Sheikh NazimEinheit


Die Tiefen der menschlichen Seele sind unergründlich. Sie unterliegen nicht den Begrenzungen durch Raum und Zeit. Es ist daher ein Irrtum zu glauben, unser Dasein sei mit unserer kurzen Lebensdauer von fünfzig, siebzig oder achtzig Jahren identisch oder unsere Wirklichkeit beschränke sich auf diese Formen aus Fleisch und Knochen. Wer solch ein Dasein für das seine hält, leugnet damit eben die Wirklichkeit dieses Daseins. Denn diese ist ewig und wandellos.

Das einzige, was sich in unserem Leben ändert, ist unsere äußere Form. Sie wurde erschaffen aus Staub und Wasser, dann ließ sie Einer wachsen, uns stark werden, dann schrumpfen und sterben. Diese Form lebt für die ihr bestimmte Lebensdauer mit Hilfe von Luft, Wasser und fester Nahrung und verwandelt sich dann in Staub und Wasser zurück, derart zu ihrer ursprünglichen Gestalt zurückkehrend, wenn sie ihre Aufgabe erfüllt hat. Die Seele war für eine kurze Zeit nach dem Willen ihres Herrn an jene Form gebunden, und wenn diese zu ihrer ursprünglichen Gestalt zurückkehrt, kehrt auch die Seele zu ihrer Wirklichkeit in Gottes Gegenwart zurück.

Wenn daher Allah der Allmächtige die Namen Seiner heiligen Propheten im Koran erwähnt, meint er nicht Formen aus Lehm, die feste und flüssige Nahrung zu sich nahmen, sondern die wirklichen Formen dieser Propheten in der Gegenwart Gottes. Wenn wir also in unserem Glaubensbekenntnis mit der Einheit des Allmächtigen Gottes auch das Prophetentum des Siegels der Propheten, Muhammads, Friede sei mit ihm, bekennen, dann meinen wir jenes ewige Sein im Reiche Gottes. Das Sein Muhammads, Friede sei mit ihm, in der Gegenwart Gottes ist ein Aspekt der Einheit: Alles ist in der Gegenwart Gottes ewig und wirklich, daher gehört sein Dasein zu jenem Bereich des absoluten Seins. Es gibt in diesem Bereich keine Teilung. Alles ist in Meere der Einheit getaucht, ist eins in der Wirklichkeit des Seins Gottes. Glaubt also nicht, daß der Koran, der ein ewiges Buch in der Gegenwart Gottes ist, sich auf die physische, zeitliche, Existenz der Propheten Muhammad, Abraham, Moses usw. auf Erden bezieht. Nein, er meint ihr himmlisches Sein in der Gegenwart Gottes in den Meeren der Einheit, der Absolutheit.

Frage: "Das ist schwer zu verstehen, denn wenn wir sagen >Allah<, >Muhammad<, >Abraham<, so sind dies einzelne, verschiedene Wesen für uns. Unser Verstand hat diese Abteilungen: eine für Muhammad, eine für Abraham. Es ist schwer, die Einheit zu begreifen und dennoch diese voneinander geschiedenen Kategorien zu behalten. Der Verstand kann das nicht fassen."

Scheich Nazim: Solchen göttlichen Wirklichkeiten kann man sich nur langsam und nur mit dem Herzen nähern. Wenn Sie sagen, "der Atlantische Ozean", dann beinhaltet das alles, was in diesem Ozean lebt, aber wir sagen dennoch nicht, daß der Atlantische Ozean diese und jene Fische und Schiffe ist. Wir nennen ihn nur den Atlantischen Ozean. Was immer durch Allahs Willen erscheint, widerspricht keineswegs seiner Einheit und ist auch nicht von ihr geschieden. Sehen Sie einmal in diesen Spiegel. Sind Sie das, darinnen, oder nicht?

"Nein, ich bin hier."

Wer ist das dann?

"Es ist eine Spiegelung."


Aber wer ist das, jemand anderes oder Sie?

"Ich."

Sehen Sie, er spricht sogar zu Ihnen!

Und wenn Sie einen Spiegel vor sich und einen hinter sich stellen, so daß sich beide gegenüberstehen, können Sie von dieser Seite und von jener eine endlose Reihe von Bildern von sich sehen. In derselben Weise ist die Einheit Allahs absolut und sind alle Formen Spiegelungen, mit den Propheten als den vollkommensten Spiegelungen.

Die Existenz eines ungeheuren Universums wie dem unseren mit so vielen Geschöpfen widerspricht in keiner Weise der Einheit Allahs oder tut ihr gar Abbruch. Und zugleich hat ein jedes Geschöpf seine eigene Persönlichkeit, weil Allah der Allmächtige endlos verschiedene Manifestationen seiner göttlichen Namen durch Seine Geschöpfe erscheinen läßt.

Frage: "Erscheint Allah der Allmächtige auch in schlechten Menschen oder nur in guten?"

Scheich Nazim: In den Augen Allahs des Allmächtigen sind alle Wesen Seine Geschöpfe. Er, der Allmächtige, schuf das Gute und das Böse, um Seine Diener zu prüfen. Durch gute Menschen erscheinen Seine göttlichen Attribute der Barmherzigkeit und Mildtätigkeit, und durch böse Menschen und Tyrannen erscheinen die Spiegelungen Seiner Attribute der Kraft, der Macht und der Vergeltung. Beide Arten von Menschen sind also Manifestationen. Allah der Alllmächtige hat endlose göttliche Namen, und jeder Name ist ein Spiegel, der Spiegelbilder in die Schöpfung wirft.

Frage: Dann gibt es weder Gut noch Böse?

Scheich Nazim: In den Augen Allahs mag dies so sein, aber Sie müssen wissen, daß Allah der Allmächtige uns befohlen hat, dem Guten und nicht dem Bösen zu folgen. Er unterwirft uns in dieser Hinsicht einer Prüfung, und zwar einer äußerst wichtigen Prüfung, die im Herzen unseres Daseins in dieser Welt und in diesen Formen liegt: als Seine Geschöpfe, die sich inmitten einer Welt finden, welche Er geschaffen hat. Dies, um unsere Fähigkeit zur Unterscheidung von Gut und Böse zu prüfen und damit wir dem Guten folgen, trotz der Anziehung durch das Böse, die er in uns stark gemacht hat. Als diese Geschöpfe ist es unsere Pflicht, den Unterschied zwischen Gut und Böse zu verdeutlichen und nicht, ihn zu verringern oder zu verwischen. Sofern wir zu dieser Welt gehören, besteht unser Wesen in der Unterscheidung. Aber der Schöpfer befindet sich nie in dieser Lage. Er ist über alle Begrenzungen erhaben.

Wir können dem Strom zur Quelle folgen. Folgen wir der Schöpfung, so finden wir, aus einer und derselben Quelle hervorsprudelnd, einen Strom süßen frischen Wassers und einen anderen mit salzigem und bitterem. Wenn Sie also einem beliebigen Ding zu seiner Quelle folgen, so werden Sie Allah finden; aber gleich vor der Quelle teilen sich die beiden Ströme. Das heißt, daß die Menschheit, und dazu gehören wir, egal, wer wir sind, und egal, was wir vollbringen, den Unterschied zwischen dem Süßen und dem Salzigen kennt.

Er ist der Schöpfer. Es liegt in Seiner Hand, Seine Diener zu prüfen. Er ist frei. Niemand befiehlt Ihm, und Er tut, was Er will, nach Seinem weisen Ratschluß. Er befiehlt uns, Gutes zu tun und Böses zu meiden.

Frage: Aber viele Menschen, vor allem Ungläubige, fragen, >Warum schafft Allah das Böse, wenn Er doch so gut ist?<"

Scheich Nazim: Sie täten besser, viel besser daran, solche Fragen nicht zu stellen! Satan fragte »Warum?« und wurde Satan. Wie können die schwachen Menschen dem Allmächtigen Herrn eine solche Frage stellen! Welch eine Frechheit. Hören sie nicht schnell auf, ihre Vorgesetzten, ihre Chefs »Warum? « zu fragen, wenn sie fürchten, ihren Arbeitsplatz zu verlieren? Sie akzeptieren bereitwillig das Diktat der Mächtigen dieser Welt, aus Furcht, sie zu verärgern, aber sie wagen es, den Herrn der Welten auszufragen! Es zeugt von sehr schlechten Manieren, seinen Herrn zu fragen: »Warum schufst Du das Böse?< Ja, dieses Leben ist voll von jeder Art Gutem und Bösem, an jeder Straßenecke wartet eine Chance, seine Zugehörigkeit zum Guten zu zeigen oder der Versuchung zum Opfer zu fallen. Jeden Tag gibt es viele Prüfungen. Er, der Allmächtige, sagte: »Ich werde meine Diener prüfen. « - Das ist alles. Ihr braucht nicht zu fragen, warum, denn Er hat es klar gesagt: um Seine Diener zu prüfen. Wenn ihr nicht Gut von Böse unterscheiden könnt, dann befindet ihr euch auf der Ebene der Tiere und seid nicht für eure Taten verantwortlich. Aber wenn ihr beansprucht, intelligent, klug oder feinsinnig zu sein, so müßt ihr wissen, daß ihr verantwortlich seid und daß letztlich ihr die Frage beantworten müßt:

»Warum tatest du das Böse? «

Frage: "Viele Leute fragen, wenn Allah der Allmächtige alles, was in dieser Welt geschieht, vom Schöpfungstag bis zum Tag der Auferstehung, vorherbestimmt hat, wie können wir dann für unsere Taten verantwortlich sein?"

Scheich Nazim: Frag denjenigen, der eine solche Frage stellt, ob er die Stufe erreicht hat, von der aus er dies sehen kann, oder nicht. Falls er behauptet, die Stufe erreicht zu haben, von der aus er alles als von Allah dem Allmächtigen ausgehend sieht, dann bring ihn bitte hierher, und wir machen eine kleine Prüfung. Ich werde ihm zuerst ins Gesicht schlagen, dann ihm mit meinem Stock auf den Kopf hauen. Wenn er nicht reagiert, nicht zornig wird, werde ich die Gültigkeit seiner Behauptung bestätigen: nämlich daß er auf dieser Stufe lebt und alles als von seinem Herrn ausgehend sieht. Reagiert er aber und wird zornig oder bewegt sich, um sich zu verteidigen, werde ich bestätigen, daß er ein Lügner und Taschenspieler ist.

Als ich vor Jahren mit unserem Großscheich einmal durch Damaskus ging, traf mich ein Fußball am Kopf und warf meinen Turban herunter. Ich wurde sehr wütend, drehte mich um und schimpfte den Übeltäter an: "Du elende Kröte!" Großscheich, der dies hörte, sagte: "Oh, Nazim Effendi, soeben hast du deinen Glauben verloren. Wie kannst du behaupten, alles komme von Allah dem Allmächtigen, wenn es dir so leichtfällt, jemanden wegen etwas, das dich am Kopf trifft, zu tadeln. Weißt du nicht, daß Allah der Erstgrund dieses Ereignisses ist? Warum wirst du dann von Zweitgründen geblendet? Als dieser Ball dich traf, warum schautest du dich da um, um zu sehen, wer ihn warf? Damit du mit ihm streiten könntest? Weißt du nicht, daß das von Allah kommt?"

Ich sprach sofort das Glaubensbekenntnis, um meinen Glauben zu erneuern.

Die Glaubensstufe, auf die sich unser Großscheich bezog, ist die Stufe der Propheten und Heiligen. Wir versuchen, diese Stufe zu erlangen, und wenn die Menschen sie erreichen, wird Friede auf Erden herrschen. Der Grund für alles Elend auf Erden, für all die Kriege und all das Leid liegt darin, daß die Menschen den Willen ihres Herrn hinter allen Ereignissen nicht mehr gewärtigen. Sie haben die Hand des Einen, der sie mit diesen Ereignissen prüft, aus den Augen verloren. Sie sehen Ereignisse nicht mehr als Prüfungen von ihrem Herrn. Daher bestehen sie keine dieser Prüfungen.

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