Maulana Sheikh NazimFriede
Maulana Scheikh Nazim wurde gefragt: Scheikh Efendi, wir beten immer um Frieden. Wie können alle verschiedenen Völker in Frieden zusammenleben?
Bismillahi-Rahmani-Rahim

Deine Frage ist eine sehr wichtige, und ich danke dir, daß du sie gestellt hast. Es gibt bei uns ein Sprichwort: „Die Frage ist schon das halbe Wissen.“ Einer, der solche wichtigen Fragen stellt, gibt zu erkennen, daß er über ein reges geistiges Leben verfügt und einen gewissen Grad an Aufrichtigkeit besitzt. Natürlich gehören nicht alle Fragen in diese Kategorie: es gibt Fragen, die nur von Verschlossenheit und Unwahrhaftigkeit zeugen, die gewünschte Antwort oder ein vorgefaßtes Urteil sind schon in die Frage miteingebaut. Solche Fragen sind eigentlich gar keine Fragen, und sie überfallen uns mit Zentner-Schwere, sie engen die Perspektive unserer Erörterungen nur ein. Aufrichtige Fragen aber, so wie die eben hier gestellte, hören und beantworten wir gern.

Wir beten um Frieden, ihr betet um Frieden, und die Christen beten auch um Frieden. Aber weder individuell noch in der Gemeinschaft kommt es zu diesem Frieden. Warum nicht? Für ein jedes Ereignis, das sich in dieser Weise ereignen soll, müssen zuerst die richtigen Voraussetzungen bestehen. Friede ist keine Ausnahme von dieser Regel. Damit sich Friede einstellt, müssen zunächst bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Erst wenn diese erfüllt sind, erlangst du Frieden in dir selbst und Frieden mit deiner Umgebung. Solange aber diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird Friede nur als eine unerreichbare Idealvorstellung bestehen.

Die erste Bedingung für den Frieden unter den Menschen ist, daß einer den anderen mit Wohlwollen und Toleranz ansieht. Man betrachte nur diese herrlichen Gärten: auf ein und demselben Stückchen Erde wachsen viele hundert verschiedene Bäume und Pflanzen. Keine dieser Pflanzen beschwert sich über die Nähe eines andersartigen Nachbargewächses. Pflanzen sind nicht fanatisch, sie bestehen nicht darauf, daß alle Bäume in ihrer Nachbarschaft von ihrer eigenen Art sein müssen

Wenn Leute verschiedener Herkunft oder Religion benachbart leben, und wenn jeder die Rechte des anderen respektiert, dann können Menschen ohne Probleme nebeneinander leben.

Unser heiliger Prophet Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden - hatte einen Juden zum Nachbarn. Niemals beschwerte er sich, niemals befahl er, daß man diesen Juden entfernen sollte und ihn unter seinesgleichen ansiedeln. Die Handlungen des Propheten sind für uns das beste Beispiel, und der Prophet –Segen und Friede seien mit ihm - betonte immer wieder die große Bedeutung guter nachbarschaftlicher Beziehungen. Im heiligen Qur'ân steht ausdrücklich, daß man an erster Stelle an seine Nachbarn Hilfe und Almosen verteilen soll. Daher ist im Islam die Pflege guter Beziehungen zur unmittelbaren Nachbarschaft ein wichtiges Konzept, denn das gutnachbarliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Rassen und Herkunft läßt keinen Fanatismus aufkommen. Ihr seid aufgefordert, gute Nachbarn zu sein.

Ihr habt eure Religion, euren Lebensstil, eure Überzeugung und ein anderer hat die seinen. Was eure Unterschiede anbetrifft, so laßt den Herrn darüber entscheiden; auf jeden Fall aber respektiert euren Nachbarn, und tut ihm Gutes an. Das ist eure Pflicht. Wenn ihr eure Pflicht getan habt, dann könnt ihr auch von eurem Nachbarn Gutes erwarten. Schaut nicht auf dessen Fehler, und kritisiert nicht seine Ansichten und Überzeugungen, die von den euren abweichen, damit keine Feindschaft zwischen euch wächst. Laßt den Herrn Richter sein, Er ist der Richter aller Richter dann wird jeder Fanatismus absterben.

Ich sitze hier mit euch zusammen. Wenn ich euch alle als Geschöpfe meines Herrn betrachte, als einzigartige und vollkommene Ergebnisse Seiner unvergleichlichen Schöpfungskraft, so wie man eine Rose betrachtet oder einen fruchttragenden Baum dann finde ich mich in einem Paradiesgarten, und von jedem Einzelnen geht ein innerer Friede aus, der auf mein Herz trifft. Wenn wir einander in dieser Weise betrachten können, kommt es nicht nur zu Toleranz und gegenseitigem Verstehen, sondern es entsteht auch Vertrautheit und Anerkennung, und schließlich stellen sich auch Liebe und Frieden ein.

Weil die Menschen einander aber nicht als des Herrn unübertroffene und wertvolle Geschöpfe betrachten, können sich Leute gegenseitig nicht einmal ertragen, wie denn gar voreinander Respekt haben oder größere Vertrautheit suchen. "Diese Welt ist für uns beide zu klein" sagt einer zum anderen, ein Staat zum nächsten. Jeder macht sich selbst so groß, plustert sich auf und gönnt dem Anderen keine Existenz. Wegen dieser Einstellung zueinander werden die Menschen immer schwerer, so daß die Erde die Menschheit bald nicht mehr wird tragen können. Die Menschheit wird der Erde zu schwer, und zwar nicht auf Grund von Überbevölkerung, sondern wegen dieser Einstellung und der Handlungen der Menschen aneinander.

Wir hindern uns selbst daran, im Anderen Liebenswertes zu sehen und miteinander vertraut zu werden. Wir betrachten jeden Anderen als eine potentielle Gefahr für uns selbst, und nicht ais Gottes Stellvertreter auf Erden. Und umgekehrt, sieht auch der Andere in uns nur die Gefahr, die ihm von uns droht, und verwehrt uns seine Zuneigung. Wildheit ist die sich am raschesten ausbreitende Eigenschaft unter den Menschen, und aus der ungezähmten Wildheit entsteht die Kälte und Feindseligkeit der Menschen gegeneinander.

Unser niederes Ich errichtet Mauern rund um uns, unbezwingbare Schanzen. Zerbrecht diese Schanzen, um auf den Anderen zuzugehen, um ihn anzuerkennen! Ihr werdet dann feststellen, daß eure Herzen vor Wonnegefühl überquellen, und die meisten Leute sich euch von einer besseren Seite zeigen werden. Solange ihr aber steitsüchtig und von eurem häßlichen, gierigen, niederen Ich besessen seid, kann keiner euch erreichen, und ihr könnt genauso wenig auf jemanden zugehen, ohne ihn zu verletzen. Der erste Schritt ist daher die Arbeit an sich selbst; es gilt, das niedere Ich in seine Gewalt zu bekommen, damit es zwischen dir und deinen Mitmensche eine liebenswürdige Beziehung geben kann.

Einer der großen Sufi-Meister pflegte auf dem Rücken eines Tigers in der Wüste umher zu reiten, in der Hand eine Schlange als Peitsche. Wie ist so etwas möglich? Was ist das Geheimnis?

Allah der Allmächtige gibt jedem Geschöpf Gefühl und Wahrnehmung. Wenn du dein Inneres öffnen kannst und dich voll Freundlichkeit zeigst, wird selbst ein reißend wilder Tiger zahm, und läßt sich als Reittier benutzen. Und nicht nur der Tiger, sondern auch die Söhne Adams, denen der Herrgott das Potential verlieh, 'Krone der Schöpfung' und 'Gottes Stellvertreter auf Erden' zu sein, lassen sich durch Freundlichkeit zähmen.

Angesichts all der Bosheit und Wildheit in der Welt, dürfen wir dennoch nicht verzweifeln und klagen: "Was für ein Gott ist das, der so schrecklich schlimme Menschen geschafft hat, die einander soviel Schaden zufügen, massenhaft Gewalttaten verüben und Weltkriege auslösen?" Wir müssen großmütig sein und versuchen, diese Wilden zu zähmen. Wer sagt, in der Erschaffung von Tigern ur Schlangen läge keine göttliche Weisheit? Sagt lieber, daß Er, der Allmächtige, Tiger und Schlangen zu Reittieren und Reitpeitschen erschuf!

Es lebte einmal ein Mann, der wurde sehr von Kakerlaken geplagt. Wo immer er hinging, fand er diese unguten, schmutzigen Käfer vor. Was auch immer er unternahm, er wurde diese Plage nicht los. Er bezog in seiner Heimatstadt mehrmals neues Quartier, in der Hoffnung, daß seine neue Wohnung diesmal Kakerlakenfrei bleiben würde aber jedes Mal wurde er enttäuscht. Schließlich verließ er aus Verzweiflung über diese Heimsuchung sein Vaterland und siedelte in einem Land, in dem es weniger Kakerlaken gab.

Nach einiger Zeit erkrankte der Manne und ein schlimmes Geschwür brach an seinem Bein aus. Er suchte viele Ärzte auf, aber alle Medizin, die sie ihm verschrieben, verschlimmerte nur seine Beschwerden und reizte den Abszess mehr. Schließlich gab er alle Behandlungsversuche auf. So saß er denn eines Tages vor seinem Hause, das wunde Bein aufgestützt, und jammerte laut. "Ah! Oh! Ah! Oh!" Da zog ein wandernder Derwisch vorbei, vernahm die Klagelaute und fragte: “Warum sitzt du da und klagst 'Ah! Oh! Oh! Ah!'?" Der Leidende antwortete ihm: "Ich habe ein schlimmes Geschwür an meinem Bein, und nichts und niemand vermag es zu heilen! Von jeder Behandlung wird es nur schlimmer!"

Der Derwisch sprach: "Nichts leichter das! Hast du schon mal eine Kakerlake gesehen?" „Kakerlaken! Ob ich je eine Kakerlake gesehen habe? Der Fluch meines Lebens! In meinem Heimatlande gab es so viele, daß sie mich an den Rand des Wahnsinns brachten, und ich hierher floh, bloß um keine mehr sehen müssen!" Der Derwisch sagte: "Geh und fang dir eine Anzahl Kakerlaken, töte und verbrenne sie, dann sammle die Asche und lege sie auf deine Wunde so Gott will, wird sie schnell verheilen." Der Mann befolgte den Rat des Derwisches, und machte in jenem Lande Jagd auf Kakerlaken, welche er nur mit großen Schwierigkeiten auftreiben konnte. Er tat, wie ihm der Derwisch empfohlen hatte, und bald war das Geschwür verheilt. Seit dieser Zeit hat er nie wieder auf die Existenz von Kakerlaken geflucht.

Was die hochgeehrte Nachkommenschaft Adams - Friede sei auf ihm - anbelangt, die Allah zu Seinen Stellvertretern auf Erden macht hat, so mußt du sie nicht wegen ihrer schlechten Handlungen hassen oder verfluchen, sondern du mußt versuchen, großmütig zu sein und dich daran zu erinnern, daß dein Herr auch diese Seine Geschöpfe liebt, denn im heiligen Qur'an steht geschrieben:

"Begegne Bosheit mit Güte, und siehe, wer jetzt dein Feind ist, wird dein enger Vertrauter werden. Und keiner kann dies erreichen, es sei denn der Geduldige; und keiner wird dies erreichen, es sei denn der, dem gewaltiges Glück zuteil wird"(1)

Wie schon erwähnt, wohnte der heilige Prophet in Medina neben dem Hause eines Juden. Der Prophet ertrug dessen Nachbarschaft, obwohl dieser Nachbar ihm täglich Abfall vor die Tür schüttete, um seiner Geringschätzung für den Propheten Ausdruck zu verleihen. Eines Tages bemerkte der Prophet Allahs Segen und Friede seien mit ihm - daß kein Müll vor seinem Hause lag. Auch am nächsten. Tag war kein Müll zu sehen. Er fragte nach dem Ergehen seines Nachbarn und erfuhr, daß dieser erkrankt war. Der heilige Prophet begab sich zum Hause seines kranken Nachbarn, um ihm einen Krankenbesuch abzustatten. Der Jude war höchst verwundert, den Propheten bei sich zu sehen und fragte: "Wie wußtest du von meiner Krankheit?" Der Prophet antwortete: "Als mir auffiel, daß deine tägliche Gabe vor meinem Hause ausblieb, dachte ich mir, daß dir womöglich etwas zugestoßen sei. Ich fragte nach, und man sagte mir du seiest krank."



Was reden wir aber von solcher Güte gegen Angehörige einer anderen Nation, wo die heutigen Menschen ja nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Familien ein vertrautes und leutseliges Verhältnis zu Wege bringen! Frauen können an ihren Ehemännern keine guten Eigenschaften erkennen, und umgekehrt ebenso. Eine Familie lebt zwar unter einem Dach zusammen, aber es fehlt jede Spur von familiärem oder anheimelndem Gefühl. Die nächsten Verwandten sind einander fremd geworden, jeder ist verstrickt in die Welt seiner EgoWünsche; eine Welt, in der kein anderer geduldet wird, es sei denn zu einem egoistischen Zweck.

Wenn schon in den Familien keine Vertrautheit besteht, wie soll sie dann in der erweiterten Gesellschaft auftreten? Es ist unmöglich. Noch zweckloser ist es, von weltweitem Frieden zu reden. Friede, Vertrauen und Liebe müssen erst zwischen Individuen bestehen, dann in den Familien, dem Freundeskreis, usw., bevor sie in der Gesamtgesellschaft manifest werden können. Friede wird von unten nach oben aufgebaut, von der kleinsten Einheit aufwärts, und nicht umgekehrt.

Gewiß, wir beten um eine friedliche Welt, um das Löschen aller Brände in Ost und West. Aber die Trennwände der Entfremdung zwischen den Menschen sind schon so verdickt, daß keine Nation eine wirkliche Freundschaft oder Zusammenarbeit mit einer anderen in Betracht ziehen kann. Freundschaftlichkeit ist eingekerkert, stattdessen verbreiten sich Wildheit und Entfremdung mit rasender Geschwindigkeit, und wenn dieser reißende Strom nicht sehr bald eingedämmt werden kann, wird er die ganze Welt davonschwemmen. Dieser wilde Strom stürzt dahin, und keiner der von uns errichteten Dämme kann ihn aufhalten. Der Mensch erntet, was er gesät hat: er sät Gewalt und erntet Gewalt, nicht Liebe und Freundschaft. Der Strom der Gewalt wälzt sich über die ganze, Erde, er hat alle Bereiche menschlichen Zusammenspiels bereits überschwemmt ,welches Ergebnis können wir davon erwarten? In unseren Überlieferungen steht geschrieben, daß sich die Menschheit in einer Orgie von Gewalttätigkeit zerstören wird, bis das Eingreifen höherer Gewalt himmlischer Intervention diesem Inferno Einhalt gebietet.

Frage: Maulana, was sagen Sie zu den Friedensmärschen und Demonstrationen für den Frieden? Fördern diese den Frieden, oder sind sie ihm eher abträglich?

Wenn diese Demonstranten in sich selbst innerlich befriedet sind, dann können ihre Bemühungen von Nutzen sein; wenn sie jedoch noch roh und voller Gewaltsamkeit sind, was kann schon daraus entstehen? Feindseligkeit und Wildheit werden dadurch nur vermehrt.

Man symbolisiert den Frieden gern als eine Taube, aber es gibt viele Raubvögel, die sich die Taube gern schnappen würden. Trifft man keine Vorkehrungen zum Schutze dieser Taube, so wird 'Friede' zu einem bedeutungslosen Wort. Dieser Tage marschiert eine große Zahl von schottischen Damen nach London um des Friedens Willen, ma scha' Allah! So viele Damen bringen den Frieden aus Schottland! Aber mehr als Stoff für Spott und schlechte Witze sind solche Demonstrationen leider nicht, denn in dieser Suche nach dem Frieden geht es nicht ohne göttlichen Beistand.

Ein Friede muß gestützt, werden, und, um einen Frieden zu stützen, bedarf es der Macht: ohne Macht kein Friede. Die allerstärkste Unterstützung, die ein Friede haben kann, ist die eines vollerwachten geistigen Lebens: das allseitige Wohlwollen, das in unseren Herzen wächst und seine Äste über die ganze Welt hin ausbreitet. Von welcher, Bedeutung ist ein solcher 'Friedensmarsch', ohne ein fruchtbares, tragendes Herz? Dies sind nur Kindereien, die sowieso keiner ernstnehmen kann.

Wa min Allah atTaufiq

(1) siehe Qur’ân, 41:34-35

*Adaptiert von ´Abd al-Hafidh Wentzel aus “Quellen de Meeres der Barmherzigkeit”, Sheikh Nazim al-Qubrusi, Konya 1984


Wir beten um Frieden, ihr betet um Frieden, und die Christen beten auch um Frieden. Aber weder individuell noch in der Gemeinschaft kommt es zu diesem Frieden. Warum nicht? Für ein jedes Ereignis, das sich in dieser Weise ereignen soll, müssen zuerst die richtigen Voraussetzungen bestehen. Friede ist keine Ausnahme von dieser Regel. Damit sich Friede einstellt, müssen zunächst bestimmte Bedingungen erfüllt sein. Erst wenn diese erfüllt sind, erlangst du Frieden in dir selbst und Frieden mit deiner Umgebung. Solange aber diese Voraussetzungen nicht gegeben sind, wird Friede nur als eine unerreichbare Idealvorstellung bestehen.

Die erste Bedingung für den Frieden unter den Menschen ist, daß einer den anderen mit Wohlwollen und Toleranz ansieht. Man betrachte nur diese herrlichen Gärten: auf ein und demselben Stückchen Erde wachsen viele hundert verschiedene Bäume und Pflanzen. Keine dieser Pflanzen beschwert sich über die Nähe eines andersartigen Nachbargewächses. Pflanzen sind nicht fanatisch, sie bestehen nicht darauf, daß alle Bäume in ihrer Nachbarschaft von ihrer eigenen Art sein müssen

Wenn Leute verschiedener Herkunft oder Religion benachbart leben, und wenn jeder die Rechte des anderen respektiert, dann können Menschen ohne Probleme nebeneinander leben.

Unser heiliger Prophet Muhammad – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden - hatte einen Juden zum Nachbarn. Niemals beschwerte er sich, niemals befahl er, daß man diesen Juden entfernen sollte und ihn unter seinesgleichen ansiedeln. Die Handlungen des Propheten sind für uns das beste Beispiel, und der Prophet –Segen und Friede seien mit ihm - betonte immer wieder die große Bedeutung guter nachbarschaftlicher Beziehungen. Im heiligen Qur'ân steht ausdrücklich, daß man an erster Stelle an seine Nachbarn Hilfe und Almosen verteilen soll. Daher ist im Islam die Pflege guter Beziehungen zur unmittelbaren Nachbarschaft ein wichtiges Konzept, denn das gutnachbarliche Zusammenleben von Menschen verschiedener Rassen und Herkunft läßt keinen Fanatismus aufkommen. Ihr seid aufgefordert, gute Nachbarn zu sein.

Ihr habt eure Religion, euren Lebensstil, eure Überzeugung und ein anderer hat die seinen. Was eure Unterschiede anbetrifft, so laßt den Herrn darüber entscheiden; auf jeden Fall aber respektiert euren Nachbarn, und tut ihm Gutes an. Das ist eure Pflicht. Wenn ihr eure Pflicht getan habt, dann könnt ihr auch von eurem Nachbarn Gutes erwarten. Schaut nicht auf dessen Fehler, und kritisiert nicht seine Ansichten und Überzeugungen, die von den euren abweichen, damit keine Feindschaft zwischen euch wächst. Laßt den Herrn Richter sein, Er ist der Richter aller Richter dann wird jeder Fanatismus absterben.

Ich sitze hier mit euch zusammen. Wenn ich euch alle als Geschöpfe meines Herrn betrachte, als einzigartige und vollkommene Ergebnisse Seiner unvergleichlichen Schöpfungskraft, so wie man eine Rose betrachtet oder einen fruchttragenden Baum dann finde ich mich in einem Paradiesgarten, und von jedem Einzelnen geht ein innerer Friede aus, der auf mein Herz trifft. Wenn wir einander in dieser Weise betrachten können, kommt es nicht nur zu Toleranz und gegenseitigem Verstehen, sondern es entsteht auch Vertrautheit und Anerkennung, und schließlich stellen sich auch Liebe und Frieden ein.

Weil die Menschen einander aber nicht als des Herrn unübertroffene und wertvolle Geschöpfe betrachten, können sich Leute gegenseitig nicht einmal ertragen, wie denn gar voreinander Respekt haben oder größere Vertrautheit suchen. "Diese Welt ist für uns beide zu klein" sagt einer zum anderen, ein Staat zum nächsten. Jeder macht sich selbst so groß, plustert sich auf und gönnt dem Anderen keine Existenz. Wegen dieser Einstellung zueinander werden die Menschen immer schwerer, so daß die Erde die Menschheit bald nicht mehr wird tragen können. Die Menschheit wird der Erde zu schwer, und zwar nicht auf Grund von Überbevölkerung, sondern wegen dieser Einstellung und der Handlungen der Menschen aneinander.

Wir hindern uns selbst daran, im Anderen Liebenswertes zu sehen und miteinander vertraut zu werden. Wir betrachten jeden Anderen als eine potentielle Gefahr für uns selbst, und nicht ais Gottes Stellvertreter auf Erden. Und umgekehrt, sieht auch der Andere in uns nur die Gefahr, die ihm von uns droht, und verwehrt uns seine Zuneigung. Wildheit ist die sich am raschesten ausbreitende Eigenschaft unter den Menschen, und aus der ungezähmten Wildheit entsteht die Kälte und Feindseligkeit der Menschen gegeneinander.

Unser niederes Ich errichtet Mauern rund um uns, unbezwingbare Schanzen. Zerbrecht diese Schanzen, um auf den Anderen zuzugehen, um ihn anzuerkennen! Ihr werdet dann feststellen, daß eure Herzen vor Wonnegefühl überquellen, und die meisten Leute sich euch von einer besseren Seite zeigen werden. Solange ihr aber steitsüchtig und von eurem häßlichen, gierigen, niederen Ich besessen seid, kann keiner euch erreichen, und ihr könnt genauso wenig auf jemanden zugehen, ohne ihn zu verletzen. Der erste Schritt ist daher die Arbeit an sich selbst; es gilt, das niedere Ich in seine Gewalt zu bekommen, damit es zwischen dir und deinen Mitmensche eine liebenswürdige Beziehung geben kann.

Einer der großen Sufi-Meister pflegte auf dem Rücken eines Tigers in der Wüste umher zu reiten, in der Hand eine Schlange als Peitsche. Wie ist so etwas möglich? Was ist das Geheimnis?

Allah der Allmächtige gibt jedem Geschöpf Gefühl und Wahrnehmung. Wenn du dein Inneres öffnen kannst und dich voll Freundlichkeit zeigst, wird selbst ein reißend wilder Tiger zahm, und läßt sich als Reittier benutzen. Und nicht nur der Tiger, sondern auch die Söhne Adams, denen der Herrgott das Potential verlieh, 'Krone der Schöpfung' und 'Gottes Stellvertreter auf Erden' zu sein, lassen sich durch Freundlichkeit zähmen.

Angesichts all der Bosheit und Wildheit in der Welt, dürfen wir dennoch nicht verzweifeln und klagen: "Was für ein Gott ist das, der so schrecklich schlimme Menschen geschafft hat, die einander soviel Schaden zufügen, massenhaft Gewalttaten verüben und Weltkriege auslösen?" Wir müssen großmütig sein und versuchen, diese Wilden zu zähmen. Wer sagt, in der Erschaffung von Tigern ur Schlangen läge keine göttliche Weisheit? Sagt lieber, daß Er, der Allmächtige, Tiger und Schlangen zu Reittieren und Reitpeitschen erschuf!

Es lebte einmal ein Mann, der wurde sehr von Kakerlaken geplagt. Wo immer er hinging, fand er diese unguten, schmutzigen Käfer vor. Was auch immer er unternahm, er wurde diese Plage nicht los. Er bezog in seiner Heimatstadt mehrmals neues Quartier, in der Hoffnung, daß seine neue Wohnung diesmal Kakerlakenfrei bleiben würde aber jedes Mal wurde er enttäuscht. Schließlich verließ er aus Verzweiflung über diese Heimsuchung sein Vaterland und siedelte in einem Land, in dem es weniger Kakerlaken gab.

Nach einiger Zeit erkrankte der Manne und ein schlimmes Geschwür brach an seinem Bein aus. Er suchte viele Ärzte auf, aber alle Medizin, die sie ihm verschrieben, verschlimmerte nur seine Beschwerden und reizte den Abszess mehr. Schließlich gab er alle Behandlungsversuche auf. So saß er denn eines Tages vor seinem Hause, das wunde Bein aufgestützt, und jammerte laut. "Ah! Oh! Ah! Oh!" Da zog ein wandernder Derwisch vorbei, vernahm die Klagelaute und fragte: “Warum sitzt du da und klagst 'Ah! Oh! Oh! Ah!'?" Der Leidende antwortete ihm: "Ich habe ein schlimmes Geschwür an meinem Bein, und nichts und niemand vermag es zu heilen! Von jeder Behandlung wird es nur schlimmer!"

Der Derwisch sprach: "Nichts leichter das! Hast du schon mal eine Kakerlake gesehen?" „Kakerlaken! Ob ich je eine Kakerlake gesehen habe? Der Fluch meines Lebens! In meinem Heimatlande gab es so viele, daß sie mich an den Rand des Wahnsinns brachten, und ich hierher floh, bloß um keine mehr sehen müssen!" Der Derwisch sagte: "Geh und fang dir eine Anzahl Kakerlaken, töte und verbrenne sie, dann sammle die Asche und lege sie auf deine Wunde so Gott will, wird sie schnell verheilen." Der Mann befolgte den Rat des Derwisches, und machte in jenem Lande Jagd auf Kakerlaken, welche er nur mit großen Schwierigkeiten auftreiben konnte. Er tat, wie ihm der Derwisch empfohlen hatte, und bald war das Geschwür verheilt. Seit dieser Zeit hat er nie wieder auf die Existenz von Kakerlaken geflucht.

Was die hochgeehrte Nachkommenschaft Adams - Friede sei auf ihm - anbelangt, die Allah zu Seinen Stellvertretern auf Erden macht hat, so mußt du sie nicht wegen ihrer schlechten Handlungen hassen oder verfluchen, sondern du mußt versuchen, großmütig zu sein und dich daran zu erinnern, daß dein Herr auch diese Seine Geschöpfe liebt, denn im heiligen Qur'an steht geschrieben:

"Begegne Bosheit mit Güte, und siehe, wer jetzt dein Feind ist, wird dein enger Vertrauter werden. Und keiner kann dies erreichen, es sei denn der Geduldige; und keiner wird dies erreichen, es sei denn der, dem gewaltiges Glück zuteil wird"(1)

Wie schon erwähnt, wohnte der heilige Prophet in Medina neben dem Hause eines Juden. Der Prophet ertrug dessen Nachbarschaft, obwohl dieser Nachbar ihm täglich Abfall vor die Tür schüttete, um seiner Geringschätzung für den Propheten Ausdruck zu verleihen. Eines Tages bemerkte der Prophet Allahs Segen und Friede seien mit ihm - daß kein Müll vor seinem Hause lag. Auch am nächsten. Tag war kein Müll zu sehen. Er fragte nach dem Ergehen seines Nachbarn und erfuhr, daß dieser erkrankt war. Der heilige Prophet begab sich zum Hause seines kranken Nachbarn, um ihm einen Krankenbesuch abzustatten. Der Jude war höchst verwundert, den Propheten bei sich zu sehen und fragte: "Wie wußtest du von meiner Krankheit?" Der Prophet antwortete: "Als mir auffiel, daß deine tägliche Gabe vor meinem Hause ausblieb, dachte ich mir, daß dir womöglich etwas zugestoßen sei. Ich fragte nach, und man sagte mir du seiest krank."



Was reden wir aber von solcher Güte gegen Angehörige einer anderen Nation, wo die heutigen Menschen ja nicht einmal innerhalb ihrer eigenen Familien ein vertrautes und leutseliges Verhältnis zu Wege bringen! Frauen können an ihren Ehemännern keine guten Eigenschaften erkennen, und umgekehrt ebenso. Eine Familie lebt zwar unter einem Dach zusammen, aber es fehlt jede Spur von familiärem oder anheimelndem Gefühl. Die nächsten Verwandten sind einander fremd geworden, jeder ist verstrickt in die Welt seiner EgoWünsche; eine Welt, in der kein anderer geduldet wird, es sei denn zu einem egoistischen Zweck.

Wenn schon in den Familien keine Vertrautheit besteht, wie soll sie dann in der erweiterten Gesellschaft auftreten? Es ist unmöglich. Noch zweckloser ist es, von weltweitem Frieden zu reden. Friede, Vertrauen und Liebe müssen erst zwischen Individuen bestehen, dann in den Familien, dem Freundeskreis, usw., bevor sie in der Gesamtgesellschaft manifest werden können. Friede wird von unten nach oben aufgebaut, von der kleinsten Einheit aufwärts, und nicht umgekehrt.

Gewiß, wir beten um eine friedliche Welt, um das Löschen aller Brände in Ost und West. Aber die Trennwände der Entfremdung zwischen den Menschen sind schon so verdickt, daß keine Nation eine wirkliche Freundschaft oder Zusammenarbeit mit einer anderen in Betracht ziehen kann. Freundschaftlichkeit ist eingekerkert, stattdessen verbreiten sich Wildheit und Entfremdung mit rasender Geschwindigkeit, und wenn dieser reißende Strom nicht sehr bald eingedämmt werden kann, wird er die ganze Welt davonschwemmen. Dieser wilde Strom stürzt dahin, und keiner der von uns errichteten Dämme kann ihn aufhalten. Der Mensch erntet, was er gesät hat: er sät Gewalt und erntet Gewalt, nicht Liebe und Freundschaft. Der Strom der Gewalt wälzt sich über die ganze, Erde, er hat alle Bereiche menschlichen Zusammenspiels bereits überschwemmt ,welches Ergebnis können wir davon erwarten? In unseren Überlieferungen steht geschrieben, daß sich die Menschheit in einer Orgie von Gewalttätigkeit zerstören wird, bis das Eingreifen höherer Gewalt himmlischer Intervention diesem Inferno Einhalt gebietet.

Frage: Maulana, was sagen Sie zu den Friedensmärschen und Demonstrationen für den Frieden? Fördern diese den Frieden, oder sind sie ihm eher abträglich?

Wenn diese Demonstranten in sich selbst innerlich befriedet sind, dann können ihre Bemühungen von Nutzen sein; wenn sie jedoch noch roh und voller Gewaltsamkeit sind, was kann schon daraus entstehen? Feindseligkeit und Wildheit werden dadurch nur vermehrt.

Man symbolisiert den Frieden gern als eine Taube, aber es gibt viele Raubvögel, die sich die Taube gern schnappen würden. Trifft man keine Vorkehrungen zum Schutze dieser Taube, so wird 'Friede' zu einem bedeutungslosen Wort. Dieser Tage marschiert eine große Zahl von schottischen Damen nach London um des Friedens Willen, ma scha' Allah! So viele Damen bringen den Frieden aus Schottland! Aber mehr als Stoff für Spott und schlechte Witze sind solche Demonstrationen leider nicht, denn in dieser Suche nach dem Frieden geht es nicht ohne göttlichen Beistand.

Ein Friede muß gestützt, werden, und, um einen Frieden zu stützen, bedarf es der Macht: ohne Macht kein Friede. Die allerstärkste Unterstützung, die ein Friede haben kann, ist die eines vollerwachten geistigen Lebens: das allseitige Wohlwollen, das in unseren Herzen wächst und seine Äste über die ganze Welt hin ausbreitet. Von welcher, Bedeutung ist ein solcher 'Friedensmarsch', ohne ein fruchtbares, tragendes Herz? Dies sind nur Kindereien, die sowieso keiner ernstnehmen kann.

Wa min Allah atTaufiq

(1) siehe Qur’ân, 41:34-35

*Adaptiert von ´Abd al-Hafidh Wentzel aus “Quellen de Meeres der Barmherzigkeit”, Sheikh Nazim al-Qubrusi, Konya 1984

- 01.07.1983
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