Maulana Sheikh NazimGlücklich, wer einverstanden und zufrieden ist!

Bismillahi-Rahmani-Rahim

. . .Tausende von Menschen leben in Armut, Millionen leben in Hunger, Tausende von Menschen sind eingesperrt in Irrenhäusern. Millionen von Menschen sind ohne Hoffnung für dieses Leben. Millionen von Menschen sind in tiefster Dunkelheit, einer Dunkelheit, die darin besteht, keinen Glauben zu besitzen. Sie leben in der Finsternis des Unglaubens und das ist die schrecklichste Lage, in der Menschen sich überhaupt befinden können. Ungläubig zu sein bedeutet, hinabgestürzt zu sein in einen bodenlosen Abgrund, an einen dunklen und schmutzigen Ort.

Und Millionen von Menschen sind krank, Millionen von Menschen haben keine Hoffnung, gesund zu werden, Millionen von Menschen haben keinen Hoffnung jemals in Wohlstand zu leben, Millionen von Menschen leiden unter ihren Ehemännern, Millionen von Menschen leiden unter ihren Ehefrauen, Millionen von Menschen leiden unter ihren Kindern, Millionen von Menschen leiden unter ihrem Studium, Millionen von Menschen leiden unter Arbeitslosigkeit – das ist nicht leicht!

Millionen von Menschen leiden unter Angst: entweder Angst um sich selbst oder Angst um ihre Kinder, Angst um ihre Stellung, Angst um ihren Besitz oder um ihr Geld. Stimmt es nicht, was ich sage? All dies ist Realität.

Millionen leiden, weil sie nicht den passenden Ehemann finden und Millionen leiden, weil sie nicht die passende Ehefrau finden. Und Millionen von Menschen leiden aus Angst vor der Zukunft. Und es gibt Millionen von Menschen, die wegen Wirtschaftskrisen leiden. Millionen von Menschen leiden unter den Steuerbehörden, nachts können sie nicht schlafen und tagsüber nicht ruhig sitzen. In so viele Arten von Leid können Menschen stürzen. Wenn ich sie alle aufzählen würde, könnte ich damit den ganzen Tag bis zum Abend verbringen. Und manche Leute leiden darunter, nicht Khalifa zu sein (1). (großes Gelächter) Hunderttausende von Menschen leiden unter Kinderlosigkeit, Hunderttausende leiden unter Kinderreichtum. Tausende leiden darunter, nicht Millionär zu sein und Tausende leiden darunter kein eigenes Haus zu besitzen. Tausende von Menschen leiden darunter Rentner zu sein. Und Tausende von Menschen leiden aus Eifersucht. Milliarden von Menschen leiden aus Neid und ebenso leiden Milliarden wegen ihres Aussehens. Und Milliarden von Menschen leiden weil sie eine Diät machen. Milliarden von Damen leiden unter Eifersucht und Milliarden von Damen leiden wegen der Mode, weil sie sich nicht alle dem Schönheitsideal entsprechenden Kleider leisten können. Denn sie möchten gerne Morgenkleider und ein Mittagskleider, Abendkleider und Nachtkleider, Hauskleider und Nachthemden haben.

Wir können also zu Recht sagen, daß die Menschen ohne Ende leiden.

Was sollen wir tun? Menschen leiden darunter, daß ihre Augen nicht blau sind, Millionen von Menschen leiden darunter, daß sie dunkle Augen haben. Millionen von Menschen leiden unter ihrer Nasenform, weil sie nicht dem Profil dieses Stars oder jenes Künstlers gleicht. Und Millionen von Menschen leiden aufgrund ihrer Stimme, weil sie so eine häßliche Stimme haben. Und so viele von denen drängen sich danach, den Adhan (2) zu rufen. (Gelächter) Sobald ich sage: „Ruft den Adhan!“ steht schnell einer mit häßlicher Stimme auf und rennt los, um den Adhan zu rufen.

Millionen von Menschen leiden, weil sie Afrikaner sind. Millionen von Menschen leiden, weil sie Asiaten sind. Möchte irgend jemand unserer Aufzählung noch etwas hinzufügen? Ich glaube nicht!

Es bedeutet einfach: Alle leiden. Und - al-hamdulillah : „man radhiyya faqad sa´ida!“ Wer mit dem einverstanden ist, in das Allah der Allmächtige ihn hineingestellt hat, der wird ein glückliches Leben haben. Und das ist es, was der Islam den Menschen zu bringen trachtet: glücklich zu sein unter allen Bedingungen, in denen sie sich befinden mögen. Die Bedingungen, in denen sie sind, anzunehmen.

Wer kann einen solchen Zustand erreichen? Nur der, der weiß, daß sein Herr ihn in diese Bedingungen gestellt hat! Dies sind die wahrhaft Ergebenen, die wahrhaften Gottesdiener. Sie sind von Herzen gehorsame Diener. Sie sind nicht Diener aufgrund von Zwang sondern durch ihren guten Willen.

Einer der Rechtschaffenen (rajulun minna salihin) hatte einmal einen Traum: Er hörte im Traum eine Stimme, die ihm sagte: „Deine nächste Nachbarin im Paradies wird eine schwarze Dame sein.“ So wie A´ischa (eine der Anwesenden) hier. „ Sie lebt in der-und-der Stadt in der-und-der Straße in dem-und-dem Haus mit der-und-der Hausnummer.“ So daß ihm die vollständige Adresse gegeben wurde. Das bedeutete, es stand ihm, wenn er wollte, frei, sie zu besuchen. Als er aufwachte, wollte er sofort seine Nachbarin im Paradies kennen lernen. So machte er sich auf den Weg. Der Ort war weit entfernt, doch Schritt für Schritt näherte er sich seinem Ziel und fand schließlich die Stadt und die Straße und das Haus und klopfte an die Tür. Und die Tür wurde einen Spalt geöffnet und A´ischa schaute heraus, musterte ihn von oben bis unten an und sagte dann: „Oh! Willkommen mein Bruder, mein Nachbar, sei mir willkommen! Tritt ein, sei herzlich willkommen!“

Er trat ein und als er sich gesetzt hatte, lief A´ischa schnell und bereitete aus dem, was sie im Hause hatte für ihren Gast ein Mahl. Als sie es ihm vorsetzte sagte unser Freund: „Oh, es tut mir leid, aber ich faste!“ Sie sagte: „Ich faste nicht, also werde ich ein wenig essen um dem Gastmahl die Ehre zu erweisen, denn die Engel sind schon dazu herabgekommen und wären beunruhigt, wenn keiner davon äße.“ So nahm sie von allem ein wenig und aß davon.

Als die Nacht anbrach, machte sie ihm ein Bett und zeigte ihm seinen Schlafplatz, doch er sagte: „Oh meine Schwester, ich brauche kein Bett, denn ich schlafe nicht.“ Das heißt, er fastete tagsüber und verbrachte die Nacht im Gebet, so stark war er im Gottesdienst. Sie sagte: „Tu was Dir beliebt, ich gehe schlafen und stehe kurz vor der Morgendämmerung, vor der Zeit des Fajr-Gebetes auf, dann komme ich und bete mein freiwilliges Nachtgebet (tahajjud).“ Mit diesen Worten verabschiedete sie sich und ging schlafen.

Am nächsten Tag ergriff der rechtschaffene Gottesdiener, dem die frohe Botschaft zuteil geworden war, daß sie seine Nachbarin im Paradies sein werde, die erste Gelegenheit und sagte: „Oh meine Schwester! Ich bin hergekommen, weil ich erfahren habe, daß Du im Paradies meine nächste Nachbarin sein wirst“

„Ich weiß!“ antwortete sie.

„ Ich wundere mich,“ sagte er, „ich faste und Du fastest nicht und wenn ich die Nacht im Gebet verbringe, gehst Du schlafen. Wie kann es sein, daß unsere Stufen so nah bei einander sind? Wo ich doch viel mehr an Gottesdienst verrichte als Du!“

Und sie sagte: „Oh mein Bruder, das ist wohl wahr. Wie Du siehst, faste ich nicht jeden Tag, ich faste nur im Ramadan und zu besonderen Anläßen, an heiligen Tagen oder vor heiligen Nächten. Und was die Gebete in der Nacht angeht, so gehe ich schlafen und stehe dann auf um zu beten. Ich bin nicht wie Du jemand der jeden Tag fastet und die ganze Nacht im Gebet verbringt. Ich habe nur eine besondere Eigenschaft, ich besitze einen speziellen Charakterzug, der mich vielleicht von anderen unterscheidet.“

„Was ist denn das für eine Eigenschaft?“ fragte er.

„Ich besitze etwas, was mir mein Herr gewährt hat.“, sagte sie.

Wie wir sagen: „hâdha min fadli rabiyy“: „Dies ist eine Gunst, die mir mein Herr gewährt hat.“

Und sie fuhr fort: „Ich bin glücklich unter allen Lebensbedingungen. Die Bedingungen, die mich umgeben, haben niemals Einfluß auf mein Glück. Denn ich gehöre nicht zu denen, die ihr Glück in den Bedingungen suchen. Mein Glück ist mit meinem Herrn. Ich bin glücklich mit meinem Herrn Allah! Ich verlange nicht nach Glück durch Bedingungen. Weder durch die Bedingungen des Reichtums, der Schönheit, der Macht, König oder Sultan zu sein, noch dies oder jenes zu sein. Mein Glück ist unabhängig von Bedingungen. Mein Glück ist mit meinem Herrn. Wenn ich krank bin, bin ich genauso glücklich, wie wenn ich gesund bin. Und wenn ich krank bin, kümmert es mich nicht, wann ich wieder gesund werde. Denn es ist nicht die Gesundheit, die mich glücklich macht, sondern Allah macht mich glücklich mit Sich.“

So war der Prophet Yusuf – Friede sei mit ihm – glücklich in einem Kerker, in dem kein anderer es auch nur fünf Minuten aushalten könnte. Und er war Jahre und Jahre in diesem Gefängnis. Und als Pharao seine Wachen schickte, ihn herauszuholen, weigerte er sich zuerst und sagte: „Laßt mich, ich habe keine Eile herauszukommen. Ich bin hier mit meinem Herrn und ich bin glücklich mit meinem Herrn!“ Und Abraham kümmerte es nicht, als er auf dem Scheiterhaufen inmitten der Flammen saß. Er war inmitten des Feuers und er war glücklich, weil sein Glück mit seinem Herrn, Allah dem Allmächtigen, war. Und das Siegel der Propheten – Allah segne ihn und schenke ihm Frieden – er war in einer Höhle, Ghar ath-Thaur (3) und er war glücklich, ohne irgendeine Klage, glücklich mit seinem Herrn.

So lehrte diese Dame ihren Paradies-Nachbarn eine wichtige Lektion, indem sie sagte: „Mein Herr hat mir Seine Gunst gewährt, so daß, wenn ich arm bin, die Armut mich nicht schmerzt oder bedrückt. Die Armut kann mir mein Glück nicht nehmen und ich strebe nicht nach Reichtum. Und wenn es Winter ist, wünsche ich mir nicht, daß es Sommer wäre und wenn Sommer ist, wünsche ich nicht, daß es Winter wäre, wenn ich im Gefängnis bin, wünsche ich nicht, daß ich in Freiheit wäre und so weiter.“

Da sagte er: „ Du bist mehr als ich, viel weiter als ich, Dein Recht ist größer als meines und ich wundere mich, wie es mir gewährt werden kann, Dein nächster Nachbar im Paradies sein zu dürfen.“

Dies ist ein äußerst wichtiger Punkt und Bestandteil der höchsten Lehre!

wa min Allah taufiq

Al-Fatiha

Paris, 1994


Erklärungen:
  1. Khalifa = authorisierter Vertreter des Scheikhs, Anm.d. Übersetzers: In Paris gab es zu der Zeit eine ganze Reihe von Schülern, die Anspruch auf diese Position erhoben
  2. Adhan = Gebetsruf
  3. Ghar ath-Thaur ist die Höhle, in der sich der Prophet Muhammad – Allahs Segen und Friedensgrüße seien auf ihm – bei seiner Auswanderung (Hjira) von Mekka nach Medina gemeinsam mit Abu Bakr as-Siddiq vor den sie verfolgenden Kriegern der Götzenanbeter versteckte.





Paris - 01.01.1994
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