Maulana Sheikh NazimGold und Stein
Wer betrügt und betrogen wird, gehört nicht zu uns, sagte der Prophet (s.a.s.). Wer betrogen wird und wer betrügt. Wer betrogen wird, sich also in seinem eigenen Ego irrt. Jemand also, der sich selbst nicht kennt, sich für etwas anderes hält, als er wirklich ist, und andere mit dem, was er nicht ist, zu überzeugen versucht, also betrügt. Ähnlich einem falschen Arzt, der sich einen weißen Kittel anzieht und behauptet, er wäre eine echter. Und die Kranken, die zu ihm kommen und Heilung suchen, werden gänzlich krank und sterben. Deshalb ist jemand, der etwas behauptet, so lange ein Lügner, solange er das, was er behauptet, nicht beweisen kann. Es gab zu einer Zeit in einer Provinz in Indien einen Shaykh, einen Freund Allahs. Mit seinen Wundern ließ er das ganze Land dort an sich glauben und gewann Akzeptanz unter den Leuten, so dass die Zahl seiner Schüler von Tag zu Tag mehr wurde. Wie die Bienen zu den Blumen, so kamen die Menschen, um von dem Honig, der sich aus seinem Mund ergoß, zu trinken. Das nahm solche Ausmaße an, dass die Religionsschulen leer wurden und die Gelehrten ohne Schüler blieben, da sie alle um den Shaykh herum waren. In einer von diesen Schulen gab es einen Gelehrten, der diesen Shaykh nicht ausstehen konnte und Neid auf ihn hatte. Einmal schickte dieser einen seiner noch treu gebliebenen Schüler in die Dergah dieses Shaykhs, damit er ihm berichte, wer dieser Saykh denn sei und was er denn mehr hätte als er selber, dass die Menschen um ihn herum schwärmen. Sein Schüler ging, sah und kam zurück und berichtete ihm und sagte: „O mein Meister, soweit ich gesehen habe, liest er den Qur’- an, sie lesen ihn besser als er. Er erzählt von Hadithen, sie kennen viel mehr als er. Er betet, sie beten tausend rek’at mehr als er. Das einzige, was ich sah, was er mehr hat als sie, sind sein grüner Turban, seine grüne Cübbe, sein Stock in der Hand und sein langer Bart, das ist alles. Kleideten wir sie auch mit einem grünen Turban, einer grünen Cübbe, gäben wir ihnen auch einen Stock in die Hand und ließen wir ihren Bart auch noch lang wachsen, so hätte er nicht mehr als sie, sondern sogar noch viel weniger.“ So machte er, was der Schüler ihm riet, und dachte sich, nun gut, gehe ich mal zu diesem Shaykh und lasse mich mal dort blicken und prüfe ihn. Der Shaykh war versunken in eine seiner honigsüßen Sohbets, als der Gelehrte in die Dergah platzte und sprach: „Oh, Shaykh, jetzt ist nicht die Zeit für Sohbet, jetzt ist die Zeit, um Rechenschaft abzulegen. Hör’ mir zu. Was ist es, was du mehr hast als ich? Du trägst einen Turban auf dem Kopf, den habe ich auch. Du trägst eine Cübbe auf deinem Rücken, ich auch. Den Stock in deiner Hand habe ich auch. Sogar unsere Bärte sind gleich. Sprichst du von Hadithen, so kenne ich mehr als du. Liest du den Qur’an, so lese ich ihn besser als du. Was ist es, das du mehr hast als ich, dass alle diese Menschen um dich herum schwärmen und wir niemanden mehr haben?!“ Als der Shaykh das hörte, lächelte er nur und sagte: „O Gelehrter, du sprichst wahr. Die Hülle hast du gut hinbekommen, nicht einmal unsere Mütter würden uns auseinanderhalten können. Aber, was ist mit der Essenz? Berichte doch mal etwas von der Essenz, dem Inhalt. Die Verpackung ist gleich, nur, du und ich sind wie Getreide und Mehl. In einem ist Getreide, im anderen Mehl. Von der Erschaffung her sind wir gleich, jedoch hast du darauf beharrt, Getreide zu bleiben, deine Größe unter Beweis zu stellen. Ich jedoch habe gesehen und erkannt, dass, wenn ich Getreide bleibe, ich niemandem nützen werde. Ich würde hart und unverdaulich sein. So ging ich und habe mich den Händen eines Müllers anvertraut, und dieser hat mich geschlagen, zermahlen und so klein wie Mehlstaub gemacht. So sehr, dass von meiner ursprünglichen Härte und Größe nichts mehr übrig blieb. Von meiner Härte. Du jedoch bist an der Tür gestanden und hast Trotz gezeigt, dass du deine Härte und Größe behalten willst. Daß du dich von niemandem kleinkriegen lässt, von niemandem zermahlen lässt, von niemandem zu Staub machen lässt. Daher bist du für niemanden von Nutzen. Wir jedoch nützen allen. Mag sein, dass deine Kapazität größer wirkt als unsere, aber du nützt niemandem. Wenn du also hier bist, um etwas zu behaupten, dann bist du jetzt verpflichtet, den Beweis dafür zu erbringen. Wenn du den gleichen Rang wie ich kleidest im Augenblick, sei es auch nur äußerlich, musst du jetzt den Beweis erbringen.“ Der Shaykh nahm einen Stein vom Boden und sprach: „Nimm diesen Stein, drücke ihn fest in der Hand und mache ihn zu Gold.“ Der Gelehrte nahm den Stein, drückte ihn und sprach alle Gebetsformeln, die er kannte, doch als er die Hand öffnete, war der Stein immer noch Stein. Der Shaykh lachte und nahm ein Goldstück aus der Tasche und gab es dem Gelehrten. Er befahl ihm, das Goldstück in der Hand zu drücken und es zu Stein zu machen. Der Gelehrte nahm das Goldstück und drückte es wieder in der Hand. Als er die Hand aufmachte, war das Goldstück tatsächlich zu Stein geworden. „Ich habe es geschafft!“ „ Was hast du geschafft? Was kann man dir denn anvertrauen? Wenn man dir einen Stein anvertrauen würde, damit du ihn zu etwas Wertvollem machst, bliebe er Stein. Brächte man dir Gold, so würdest du seinen Wert in Stein verwandeln. „Schau“, sagte der Shaykh, „das ist der Unterschied zwischen uns beiden.“ Er nahm den Stein in seine Hand und drückte ihn, und er wurde zu Gold. Er nahm das Gold, drückte es, und es wurde zum Diamanten. „Siehst du, o Gelehrter“, sagte der Shaykh, „solange du das, was du behauptest, nicht beweisen kannst, bist du ein Lügner. Du musst die, die als Steine zu dir kommen, zu Gold, die als Gold zu dir kommen, zu Diamanten machen. Du musst so werden wie deine jetzige Hülle.“ Darum heißt es, o Mensch, betrüge weder dich noch andere. Dieser Gelehrte kannte seine Winzigkeit nicht. Es heißt, wer sein Ego kennt, kennt seinen Herrn. Wer sein Ego kennt – im Sinne von, wer seine Winzigkeit kennt –, kennt die Größe seines Herrn. Er kannte sein Nafs nicht. Wie soll jemand, der sein eigenes Nafs nicht kennt, das Nafs anderer Leute erziehen? Deshalb möge Allah uns davor bewahren, unserem Nafs zu verfallen, und uns zu solchen Menschen machen, die ihre Grenzen und Kapazitäten kennen. Fatiha

- 01.12.1999
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