Maulana Sheikh NazimDer Herrscher Harun ar-Rashid und die alte Frau
Einst verirrte sich der Kaiser auf der Jagd und konnte weder den richtigen Weg noch seine Gefährten wiederfinden. Er befand sich inmitten einer wasserlosen Wildnis, ohne Mittel und Proviant. Er irrte in der Wüste umher, und sein Durst wurde unerträglich. Schon wollte er verzweifeln, jemals eine Wasserquelle zu finden, da gewahrte er in einiger Entfernung ein schwarzes Zelt. Zunächst hielt er es für eine Sinnestäuschung, aber wie er sich dem Zelt näherte, erkannte er zu seiner großen Freude und Erleichterung, daß es ein wirkliches Beduinen-Zelt war. Sobald er die Zeltöffnung erreicht hatte, rief er hinein: „O Bewohner dieses Zeltes, bring mir bitte ein Glas Wasser!“ Es bewegte sich etwas in dem Zelt, und langsam kam eine uralte Frau zum Vorschein, die fragte den Verirrten: „O Herrscher der Gläubigen, was suchst du?“ „Ich brauche sofort Wasser.“ „Wasser sollst du haben, aber nur, wenn du mir seinen Preis zahlen kannst“, sagte das merkwürdige alte Weib. „Wie sprichst denn du mit mir? Bin ich etwa nicht der Khalif aller Muslime? Schnell, bring mir das Wasser!“ „In Baghdad magst du Khalif sein, nicht aber in meinem Zelt; hier hast du nicht einmal das Recht, deinen großen Zeh hineinzustrecken. Und glaube nicht etwa, daß du weißt, was ich von dir verlange; es ist nicht, was du dir vorstellst.“ Denn die Alte konnte seine Gedanken lesen, und daher wußte sie, daß der Khalif von ihr glaubte, sie wolle viel Gold und Geld von dem reichen, mächtigen König, der jetzt so hilflos vor ihr stand. „Was ich vielmehr von dir verlange, ist dies: daß du mir all die Jahre schenkst, die du König bist. Das ist der Preis des Wassers.“ Der Khalif war zu verdutzt und durstig, um gleich zu antworten. Er betrachtete nur stumm das Glas Wasser, das die Alte ihm vors Gesicht hielt. „Meinst du“, fragte er endlich, „die kommenden Jahre, die ich noch König sein werde, oder die schon vergangenen, die ich König war?“ „Die noch kommenden Jahre sind dein – die gewesenen Jahre will ich haben. Wieviele Jahre bist du nun schon Khalif?“ „Vierzig Jahre lang.“ „So gib mir diese vierzig Jahre, und du sollst das Wasser haben.“ Da blickte Harun auf die vierzig Jahre seines Khalifats zurück und erkannte, daß ihm von all den Jahren nichts geblieben war; da begriff er dann auch, daß das steinalte Weib nichts von ihm forderte. Er sagte: „Gut, es sei, wie du sagst. Du sollst die vierzig Jahre haben.“ „Ich nehme sie an, nimm das Wasser und trink. Du sollst aber wissen, daß, so wie die vierzig Jahre deiner Herrschaft, die du mir gabst, dir durch die Finger geflossen sind, ebenso auch die dir jetzt noch verbleibende Frist verrinnen wird: Am Ende deines Lebens werden auch diese Jahre zu Nichts geworden sein. Laß dich nicht täuschen von deiner Macht und deinem Reichtum, denn am Ende mußt du alles hergeben. Bleibe stark im Glauben an deinen Herrn!“ So sprach die Alte, dann trat sie wieder in ihr Zelt zurück; und als sie in dem Zelt verschwunden war, da war auch plötzlich von dem ganzen Zelt nichts mehr zu sehen, als sei es vom Erdboden verschluckt worden. Harun schaute sich nach allen Seiten um und fand keine Spur, so daß er sich fragte: „Wo ist nur die Alte mit ihrem Zelt geblieben? Vielleicht habe ich alles nur geträumt oder mir eingebildet? Wenn es aber nicht Wirklichkeit war, wie kommt es dann, daß mein Durst gestillt ist? Demnach muß es sich doch wirklich ereignet haben ...“ Diese Begebenheit wurde für Harun Ar-Rashid Anlaß zur Umkehr: von nun an enthielt er sich jeder Unmäßigkeit. Jeder Mensch, und sei er der Kaiser selbst, hat nur ein beschränktes Fassungsvermögen für die Freuden dieser Welt; in Wirklichkeit können wir nicht mehr davon fassen, als der kleine Fisch im Meer vom großen Ozean in seinem Maul aufnehmen kann ...
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