Maulana Sheikh NazimInspiration oder Einflüsterung?
Frage: »Wie können wir zwischen dem unterscheiden, was zum Herzen durch Eingebung von Allah, dem Propheten oder unserem Scheich kommt, und dem, was sich durch Einflüsterungen des Teufels in das Herz schleicht? « Scheich Nazim: Unser Großscheich lehrte uns eine Methode, die wir vom Anfang unseres Weges an benutzen können, um wirkliche Eingebungen von bloßen Einfällen und den Einflüsterungen Satans zu unterscheiden. Die Methode ist die, einfach zu warten, ob eine Eingebung wiederkehrt oder nicht. Kommt sie wiederholt zum Herzen zurück, kann dies ein Zeichen für ihre Echtheit sein. Großscheich verglich das mit Geburtswehen. Kehrt die Kontraktion in immer stärkerem Grade und in immer kürzeren Zeiträumen wieder, dann steht die Geburt wirklich bevor. Wahre Eingebungen treten in derselben Weise auf. Sind sie einmal gekommen, dann kommen sie wieder und wieder, sind es jedoch nur Einfälle, werden sie nicht wieder auftauchen, und wenn es böse Einflüsterungen sind, so wird, selbst wenn sie wiederkehren, durch eine Irritation im Herzen klar werden, daß sie nichts Gutes verheißen. Derart können selbst Anfänger wirkliche Eingebungen, die vom Propheten zu ihrem Scheich und dann in ihre Herzen gesandt werden, von allen anderen Regungen unterscheiden. Was geistige Visionen angeht, so sind diese für Anfänger auf dem Naqshbandi- Weg weder notwendig noch erwünscht. Während in anderen Tariqats solche Visionen schon am Anfang eine große Rolle spielen, werden sie bei uns erst dann eröffnet, wenn der Suchende den Ort seiner Bestimmung erreicht. Der Grund für diesen Unterschied in der Methode liegt darin, daß wir sorgfältig vermeiden wollen, daß unsere Anhänger in gefährliche Fallen stolpern. Wenn Visionen mit Leichtigkeit zu einem Muriden kommen, kann er von diesen Erfahrungen völlig eingenommen werden und alles Weiterkommen vergessen. Stolz und ein falscher Leistungssinn können zu seiner Zerstörung beitragen. Er wird sagen: »Das ist großartig! Sowas habe ich noch nie auf Erden gesehen! « Und so wird er steckenbleiben. Er wird selbstgefällig und glaubt, nun habe er das letzte Ziel erreicht. Für etwas anderes, weitaus wichtigeres, ist er gar nicht mehr empfänglich. Um derartige »Entgleisungen « zu vermeiden, führen die Meister des Naqshbandi-Weges ihre Schüler ohne jegliche Visionen zur Vollendung, damit sie lernen, sich um Allahs des Allmächtigen willen und nicht wegen ungewöhnlicher Visionen oder mystischer Kräfte zu reinigen. Wir dienen unserem Herrn allein um Seiner Selbst willen, um Seine Göttliche Gegenwart zu erreichen, nicht um Visionen zu haben. Wenn ein Naqshbandi- Derwisch jemals in seinem Handeln von dem Wunsch nach übernatürlichen Visionen bestimmt wird, sollte er sich als rituell unrein betrachten und sofort ghusl, die ganzheitliche Waschung, gewissermaßen ein rituelles Vollbad, vornehmen, um sich von dieser geistigen Unreinheit zu befreien, die ihn daran hindert, die Gegenwart Gottes zu erreichen. Hat er derartige Gedanken, ist damit angezeigt, daß es ihm nicht mehr um das Hauptziel der tariqat, die Annäherung an die Gegenwart Gottes, geht, sondern er es vorzieht, am Wegrand zu spielen und sich zu amüsieren. Anfänger und alle, die sich noch unterwegs befinden, sind vor Visionen geschützt. Die Schleier werden erst gehoben, wenn der Murid in der Station der Sicherheit angekommen ist. Ebenso wie der Heilige Koran von Mekka als dem Ort der Sicherheit spricht – jegliche Anwendung von Gewalt ist im geheiligten Bezirk verboten –, gibt es auch eine geistige Station der Sicherheit. Zwischen unserer jetzigen Station und jener liegt ein langer harter Weg, und nur wenige erreichen das Ziel. Wer jedoch an die Station der Sicherheit gelangt, wird Visionen haben. Sie sind für jeden Muriden verschieden. Die Farben, die Düfte, die Offenbarungen sind nie dieselben. Doch bis dahin ist es eure Pflicht, geduldig und ausdauernd das Wohlgefallen eures Herrn zu suchen. wa min alläh at-tawfiq

- 01.01.1984
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