Maulana Sheikh NazimKein Schatz ohne Drachen
Bei einem abendlichen Treffen mit Sheikh Nazim fragte eine Anwesende nach dem Symbol der Rose: „Es ist ja so, daß die Rose ein altes Symbol in allen Religionen ist. Ich würde gern wissen, was sie bedeutet, was die Essenz der Rose ist.“ Das Wort für Rose im Türkischen hat zweifache Bedeutung. „Gül“ bedeutet sowohl „lache“ und „lächle“ als auch Rose. Und die Rose symbolisiert mehr als irgendeine andere Pflanze das Lächeln. – Das sollten sich ganz besonders die Deutschen merken. Das ist eine Lehre für sie. Jedes gute Ding bringt auch Schwierigkeiten mit sich. Wenn man es erlangen will, muß man etwas dafür opfern. Wer dorthin kommen will, muß etwas erleiden. Wer die Rose erreichen und in den Genuß kommen will, ihren Duft zu kosten, der muß in Kauf nehmen, in ihre Dornen zu greifen. Ein persisches Sprichwort lautet: Eine Rose ohne Dornen und einen Schatz ohne Drachen gibt es nicht. Es gab einmal eine Prinzessin, die Tochter des Königs. Da kam ein junger Mann, der um sie freite. Er ging zum König und hielt um ihre Hand an. Der König fragte: „Wer bist denn du, daß du meine Tochter heiraten willlst?“ Der Mann sagte: „Ich bin einer von den Bürgern deines Landes.“ Da sprach der König: „Weißt du denn auch, was es dich kosten wird, was du bringen mußt, damit ich dir die Hand der Prinzessin geben kann?“ „Nein“, erwiderte der Mann, „ich habe keine Ahnung.“ Darauf eröffnete ihm der König: „Sieben Kamelladungen voller Diamanten mußt du beschaffen. Auf jedem dieser Diamanten soll die Gestalt des Erzengels Gabriel, der Friede sei auf ihm, abgebildet sein. Und ich sage dir: Ein einziger Juwel, auf dem mit göttlicher Zeichnung das Abbild Gabriels, der Friede sei auf ihm, eingraviert ist, hat einen weit höheren Wert als die gesamten Schatzkammern von sieben Königreichen.“ Jeder, der etwas erreichen will, muß dafür etwas opfern. Und wer zu Allah will, Ihn erreichen will, der muß sich selbst opfern, denn, so sagt Allah: „Übergib dich mir, opfere mir dein Ego, dann bin Ich ganz für dich da.“ Wenn du bereit bist, dein Ego zu opfern, dann komm, ansonsten verschwinde! So hatte der König gesprochen: „Wenn du in der Lage bist, die sieben Kamelladungen mit diesen Diamanten zu bringen, dann kannst du meine Tochter die Prinzessin zur Frau nehmen. Wenn nicht, geh fort!“ Und wer schließlich Honig essen will, der muß geduldig die Stiche der Bienen ertragen, sonst wird es für ihn keinen Honig geben. Das ist Allahs Regel, Sein Gesetz. Wer Perlen haben will, muß in die Tiefen des Ozeans hinabtauchen, um diese Kostbarkeiten heraufzubringen. Am Strand findet man so viele Muschelschalen. Wir laufen auf ihnen herum, können sie einsammeln und in die Tasche stecken. Muscheln aber, in denen Perlen sein könnten, findet man am Strand nicht. Als ich kürzlich im Libanon war, erzählte mir eine Verwandte von Sheikh Hisham, die in Saudi-Arabien verheiratet ist, von vier Männern, die als Hobby das Perlentauchen haben. Sie tauchen auf den Meeresgrund und suchen nach Perlen. Und eines Tages waren sie nicht mehr aufgetaucht. Sie tauchten nicht wieder auf, und selbst ihre Körper blieben verschwunden. Nur das Hemd von einem von ihnen wurde irgendwann auf der Meeresoberfläche treibend gefunden. Mehr ist von ihnen nie wieder aufgetaucht. Vier Monate lang haben sie nach ihnen gesucht, und die Angehörigen gingen zu verschiedenen Sheikhs, um zu erfragen, was geschehen sein könnte. Jeder sagte: morgen kommen sie, nächste Woche kommen sie, in einem Monate, sie sind in diesem Land oder in jenem. Und schließlich kamen sie zu mir, Sheikh Nazim, um mich zu fragen. Und die Frau fragte mich, und ich sagte: „Komm morgen wieder, ich werde heute Nacht nachsehen, was mit ihnen geschehen ist.“ Und die Nachricht, die kam, war, daß diese Perlenfelder, die Orte im Meer, wo viele Perlen liegen, von Haien bewacht werden. Die Haie hatten die Taucher mit Haut und Haaren gefressen. Ich sagte zu ihr: „Sucht nicht weiter, es ist zwecklos.“ Ich habe die Namen der Lebenden durchgesehen, aber die ihren tauchen auf meinem „Computer“ nicht auf. Das ist, was ich weiß, das heißt, sie sind in die andere Welt hinübergegangen. Damit will ich sagen, daß auch Perlen bewacht werden, und sie zu holen ist so gefährlich und so schwierig. Alles „finished“ – Ende. Du‘a’ – al-Fatiha. So kam über die Frage nach der Rose diese Geschichte – gut für uns alle. Laßt uns jetzt beten ...
eifel - 18.12.2000
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