Maulana Sheikh NazimMoses und der Hirtenhund
Unser Herr, Allah der Allmächtige, hat Sein Wohlgefallen daran, wenn Seine Diener froh sind. Subhanallah – Preis und Dank sei Gott! Er ist der Schöpfer, und Er erschuf jeden, wie Er will; aber Gott liebt den Glücklichen, und Glück kann man dem Antlitz eines Menschen ablesen. Ein Offizier der königlichen Garde im Buckingham Palace oder ein Reiter im Dienst Ihrer Majestät der Königin, der auf hohem Roß den königlichen Auto-Konvoi begleitet – wie sollte der nicht glücklich sein? Warum dann sind wir nicht glücklich und zufrieden mit unserem Herrn? Wir müßten es uns noch als Ehre anrechnen, Esel in Seiner Göttlichen Gegenwart zu sein; dabei hat unser Herr uns, die Söhne Adams, vor aller Kreatur dadurch ausgezeichnet, daß Er uns zur „berittenen königlichen Garde“ gemacht hat: Gottes Stellvertreter auf Erden. Es ist sehr wichtig für uns, immer mit unserem Herrn zufrieden zu sein, aber wir können uns nicht vorstellen, wie das möglich sein soll. Was ist der Schlüssel zur Zufriedenheit mit unserem Herrn in diesem Leben, und noch wichtiger, im nächsten? Jeder Mensch stellt sich diese Frage, denn in der Regel versucht jeder, in diesem Leben glücklich zu werden, und die Gläubigen suchen auch noch das Glück im Jenseits. Auf diese Frage sucht jeder Mensch – gläubig oder nicht gläubig – eine Antwort, das Problem geht jeden an. (Über dieses Thema werde ich nun, so Gott will, sprechen, so wie mein Großsheikh es mir ins Herz flüstert; mein Großsheikh und dessen Großsheikh erhalten diese Eingebung vom Herzen des Propheten, dessen Worte die Worte Allahs des Allmächtigen sind, welcher spricht:) Das Geheimnis der – Zufriedenheit in diesem und im nächsten Leben ist, daß wir unseren Herrn mit uns zufriedenstellen. Wenn unser Herr mit uns zufrieden ist, dann macht Er uns auch froh, jetzt, wie in der Ewigkeit – so „einfach“ ist das. Dazu eine Geschichte, die sich zutrug zur Zeit des Propheten Moses – Friede sei auf ihm und auf unserem Propheten Muhammed und den Propheten allesamt. Moses war einer der größten unter Allahs Propheten und hatte die besondere Ehre, mit seinem Herrn ohne die Vermittlung des offenbarenden Engels, unmittelbar und direkt zu sprechen. Darum erhielt er den Beinamen „Kalimullah“ –‚ der, mit dem Gott sprach“. Eines Tages, da Moses seine Schafe hütete, mußte er sie durch eine furchtbare und wilde Gegend treiben, die voll von wilden Tieren war. Weil er die Gefahr erkannte, hütete er seine Herde mit großer Umsicht, aber die göttliche Vorsehung senkte mit einem Mal eine große Müdigkeit über ihn, so daß er dem Schlummer nicht widerstehen konnte. So gut er vermochte, wehrte sich Moses gegen den Schlaf, aber er konnte ihn nicht vertreiben. Es war, wie das arabische Sprichwort sagt: „An-Naum Sultan“, der Schlaf ist König. (Nun folgt eine Geschichte innerhalb der Geschichte): Als Allah der Allmächtige die riesigen Berge erschaffen hatte, wurden sie stolz auf ihre Höhe und sagten: „Wer ist größer und höher als wir?“ Da ließ Allah die Hacke aus Eisen auf sie los und brach ihren Stolz: Denn die Hakke zerhackt das Gestein, und nach und nach bringt sie die hohen Berge zu Fall. Die hohen, stolzen Berge sind hilflos gegen die kleine Eisenhacke, die sie langsam, aber stetig, zu Staub verarbeitet. Da wurde das Eisen stolz und sprach: „Wer ist mächtiger als ich?“ Allah der Allmächtige entfachte das Feuer, und als Feuer auf Eisen traf, blieb von dem Eisen bald nichts mehr übrig als eine Pfütze zerschmolzenen Erzes. Da jubelte das Feuer: „Wie bin ich heiß und stark, keiner ist so wie ich!“ Da löschte Allah der Allmächtige des Feuers Stolz mit Wasser – es zischte einmal, dann war kein Feuer mehr da. Das Wasser sprach: „Oh, ich wußte nicht einmal, daß ich ein so gewaltiges Element bin ...“ Doch Allah demütigt jeden Hochmütigen. Er entsandte gegen die stolzen Gewässer gewaltige Stürme, die deren Wasser tosen und brausen machten, so daß es außer Rand und Band geriet und wild platschend all seine Würde vergaß. Natürlich bildeten die Stürme sich jetzt viel darauf ein, daß sie alles auf Erden umwerfen konnten, sogar die gewaltigen Wasser der Ozeane vermochten sie aufzupeitschen. Bald aber begegneten sie dem schlauen Menschengeschlecht. Die Söhne Adams bauten feste Häuser, denen selbst die stärksten Sturmwinde nichts anhaben konnten. „Wuuuuh!“ blies der Wind mit seiner ganzen Kraft, aber das Haus wich nicht von seinem Platz. Darauf wurden die Söhne Adams gewaltig stolz, und gegen ihren Stolz sandte ihnen ihr Herr den Schlaf, und der Schlaf übermannte sie. (Darum nennen, bis heute, die Menschen den Schlaf „Sultan“ oder König, weil derSchlaf sie bezwang.) Da sagte der Schlaf: „Schaut mich an! Ich, und kein zweiter, konnte die klugen Söhne Adams besiegen!“ Nun schickte Allah auf den Schlaf die Krankheit; denn ein Kranker wirft sch schlaflos auf seinem Lager hin und her, stöhnt und weint bis zum Morgen und jammert: „Wo bleibt nur der Schlaf?“ Der Schlaf flieht vor der Krankheit – möge Allah uns vor aller Unbill bewahren! Da sprach die Krankheit: „Ich bin die Stärkste.“ „Du bist die Stärkste?“ „Jawohl, ganz gewiß, denn wer ist stärker als ich?“ Und, da es von jeher Allahs allmächtiger Brauch ist, den Hochmütigen zu stürzen, sandte Er nun den Tod, der die Krankheit überwandt; denn angesichts des Todes wird jede Krankheit unbedeutend. Die Krankheit flieht vor dem Tode, denn Tod ist stärker als die mordende Krankheit: Krankheit ist stärker als Schlaf; Schlaf bezwingt die Söhne Adams, die den wütenden Stürmen trotzen. Stürme wühlen die Gewässer auf, und Meer löscht das sengende Feuer. Feuer zerschmilzt die nagende Hacke; Eisenhacke macht turmhohe Berge zu Staub: Und wer bezwingt den Tod? Am Jüngsten Tag, am Tag des Gerichts, wird Allah den Tod in der Gestalt eines Opferlammes heranbringen, welches Er auf dem Steg zwischen Himmel und Hölle schlachtet. Die Bewohner des Paradieses wie die des Feuers werden Ihn sprechen hören: „Von diesem Tage an soll es keinen Tod mehr geben, nur ewiges Leben: für die Bewohner des Paradiesgartens unendliches Leben, und für die Höllenbewohner auch. Ich bin der Allmächtige Gott, und Ich walte über allem.“ Man muß sich klar darüber sein, daß Er, Gott, allmächtig ist, und daß nur Ihm allein Stolz zusteht. Als nun Moses, Friede sei auf ihm, sich vom Schlaf überwältigt fühlte und sich seiner auf keine Weise erwehren konnte, blickte er gen Himmel zum göttlichen Thron und sprach zu seinem Herrn: „O mein Gott, ich habe nach bestem Vermögen gegen diesen Schlummer angekämpft, den Du in Deiner göttlichen Weisheit über mich senktest, aber Dein göttlicher Beschluß ist es, daß ich unterliege – und Dein Wille geschehe, nicht der meine. O Herr, ich kann nicht gegen Dich ankämpfen, ich ergebe mich in Deinen Willen.“ Dann schlief Moses ein. Rings um ihn und seine Herde schlichen sich die erschreckendsten wilden Tiere heran; mit hungrigem Knurren und hängenden Lefzen lauerten sie darauf, sich ein fettes Mahl zu holen ... Moses schlief nur ein kleines Weilchen, und als er erwachte, was bot sich ihm für ein Bild! Da stand ein riesiger, wilder, schwarzer Wolf mit einem langen Hirtenstab, den er drohend schwenkte und mit dem er die übrigen wilden Tiere hinderte, Moses und seinen Schafen etwas zu Leide zu tun. Alle anderen Wölfe gierten mit ihren Blicken nach den runden, fetten Schäfchen, aber aus Angst vor dem großen, schrecklichen Hirtenwolf wagten sie nicht, ein einziges zu reißen. Moses fiel anbetend vor seinem Herrn nieder und dankte Ihm. Da sprach der Herr zu Mose: „O Moses, wenn du so bist, wie es Mir gefällt, so werde Ich auch sein, wie es dir gefällt.“ So erntete Moses Allahs Wohlgefallen, indem er seinen Willen, ohne zu murren, dem allmächtigen Willen Allahs unterwarf. Allah spricht zu all Seinen Dienern, wie Er zu Seinem Diener Moses sprach, und Sein Anerbieten ist wohlbemessen und gerecht; aber der Mensch ist ungerecht gegen sich selbst. Der Herr sagt: „Meine Bedingungen sind recht und billig: Wer Mich erfreut, den werde Ich erfreuen. Aber ihr, Meine Diener, tut euch selbst Unrecht, denn immer verlangt ihr, daß Ich so sei, wie es euch gefällt, während ihr nie versucht, so zu sein, wie es Mir gefällt. Nie fragt ihr, wie ihr Mir gefallen könnt, ihr wollt alles nur immer euren Vorstellungen entsprechend sehen. Das wird aber nur dann der Fall sein, wenn ihr so werdet, daß ihr Mir gefallt – dann wird auch euch alles gefallen. Dies ist ein gerechter Ausgleich: das werdet ihr erkennen, wenn ihr, wie Moses, euren Willen in den Meinigen ergeben habt. Dann werde Ich nämlich eure Herden vor Feinden und wilden Tieren beschützen; oder Ich kann sogar einen Wolf dazu bestellen, euch vor Wölfen zu schützen – denn Ich habe Macht über alle Dinge. Ich bin der Herr, euer Gott, und ihr müßt erst Mir gefallen, damit Ich euch gefalle!“ Der Mensch hat die meisten Schwierigkeiten, weil er alles immer so haben will, wie es ihm paßt, ohne je einen Gedanken daran zu verwenden, ob er denn auch so lebt oder handelt, wie es seinem Schöpfer gefällig ist. Die meisten Menschen machen sich keine derartigen Gedanken, sondern sagen nur: „Ist mir doch egal! Geht mich nichts an!“ Wenn es dich nichts angeht, wen geht es denn etwas an? Wenn alle Diener sagen: „Ist mir wurscht!“, dann wird schließlich ihr Herr sagen: „Mir auch!“ Und wenn du in ein bodenloses, tiefes Loch fällst, dann wird ihm dies auch egal sein! Die Söhne Adams sind so schwach und doch so hoffärtig – das Belieben oder Mißfallen ihres Herrn ist ihnen gleichgültig. Aber unser Herr gibt uns immer wieder Gelegenheit, unseren Stolz zu bereuen, unsere Schwäche einzusehen und uns in Demut zu Ihm zu bekehren. Deshalb schickt Er uns Zeichen, damit wir über sie nachdenken. Vor einer Woche, z. B., war ein kleines Kind in einen (artesischen) Brunnen gefallen. Tagelang sah die ganze Welt gebannt zu, wie sich die Fachleute und Spezialisten vergeblich abmühten, den kleinen Buben aus dem Brunnen zu befreien – es war umsonst. Sogar die „Super- Mächte“ konnten nichts ausrichten, alle standen hilflos daneben und riefen: „Was sollen wir nur tun, wie sollen wir es nur anstellen?“ Was nutzte euch all euer Spezialistentum? Wo sind eure Kraft, euer Stolz geblieben? Allah zeigt den Menschen Zeichen Seiner Macht und Weisheit, aber Stolz und Unwissenheit machen den Menschen töricht und unbedacht. Wenn Allah beschlossen hat, das Kind im Brunnen zu behalten, wer kann dagegen etwas ausrichten? In diesem Falle sind die Retter ebenso hilflos wie der zu Errettende. Nun kennen wir den Schlüssel zum Glück in diesem und im nächsten Leben: Wir müssen unserem Herrn gefallen. Wenn Er mit uns zufrieden ist, dann wird Er uns auch Zufriedenheit schenken, in diesem Leben wie in der Ewigkeit. Aber wenn es uns gleichgültig bleibt, ob unser Herr zufrieden mit uns ist oder nicht, dann werden wir weder Frieden, Sicherheit, Erfolg noch Glück kennen; wir werden in einem endlosen Meer von Schwierigkeiten ertrinken – Finsternis über Finsernis. Probleme werden aus dem Boden schießen, und aus jedem Problem werden zehn neue erwachsen, die sich wiederum verzehnfachen, bis ins Unendliche ... Das ist das Schicksal dessen, der nicht sagen lernen kann: „Wie es Dir gefällt, o mein Herr.“
London - 01.07.1981
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