Maulana Sheikh NazimÜber das Nachdenken und wahres Leben
Unser Großsheikh spricht über ein wichtiges Hadith. Wir begegnen auf unserem Weg vielen an der Straße gelegenen Zeichen, die den Weg anzeigen, aber sie wechseln ständig. Wir bedürfen daher jener Führung, die darin besteht: Erst zu denken und dann zu handeln . Es ist ein Zeichen von Dummheit, zu handeln ohne zu denken. Der Islam befiehlt, vor jeder Handlung nachzudenken. Ein gedankenloser Mensch jagt ohne zu zielen und verfehlt daher immer sein Ziel. Der Prophet (s.a.s.) hielt die Leute nachdrücklich dazu an, nachzudenken, und stellte das Denken durch dieses Hadith auf eine hoch angesehene Stufe: „Eine Stunde des Nachdenkens ist besser als siebzig Jahre Gottesdienst.“ – Tafakkur, das bedeutet Nachdenken über unser Pflichten und Verantwortungen. Um zwischen guten und schlechten Handlungen unterscheiden zu können, müssen wir nachdenken. Unser Großsheikh sagt, in keiner Handlung liegt ein Wert oder ein Nutzen, wenn wir nicht nachdenken. Es ist Pflicht (fard ) und ein Befehl von Allah dem Allmächtigen, eine Absicht zu haben. Wenn etwas keinen Wert hat, bedeutet es, daß es leblos ist. Wie ein Baby, das zur Welt kommt, aber tot geboren wird. Nachdenken gibt uns Ritterlichkeit und Achtsamkeit. Wir mögen in Vorbereitung auf Ereignisse, die auf uns zukommen, nachdenken. Wir sind zum Beispiel in Damaskus als Gäste in einem heiligen Land, aber wenn wir keine Erlaubnis haben, länger zu bleiben, was können wir da machen? Wir müssen darauf gefaßt sein, oder wir verlieren unseren Rang. Wir sagen vielleicht: „Was mache ich hier bei diesen Muslimen? Wenn sie mich nicht wollen, werde ich gehen.“ Satan hält ständig nach einer schwachen Seite von uns Ausschau, um uns auf seinem Weg davonzutragen. Es ist unmöglich, Ereignissen entgegenzutreten, ohne im vorhinein nachzudenken. Nichts kommt zu uns ohne den Willen unseres Herrn. Wir müssen wissen, daß wir nicht allein sind, sondern unter Allahs Willen stehen, und wir sagen: „Wie Du magst, o mein Herr. Ich bitte um Dein Wohlgefallen allein.“ Das ist die lieblichste Haltung eines Dieners gegenüber seinem Herrn. Zuerst mag dies bitter erscheinen, aber am Ende ist es süß.

Wenn wir Gottesdienst tun, müssen wir denken: „Shaitan ist bereit, uns diesen Gottesdienst zu stehlen.“ Wenn wir dies nicht beachten, wird er es aus unseren Händen nehmen und uns Ermüdung zurücklassen. Zum Beispiel, jemand fastet den ganzen Tag und bricht am Abend sein Fasten mit einer Zigarette. Satan steht bereit. Wenn wir eine chinesische Tasse kaufen, müssen wir daran denken, daß sie leicht zerbrochen werden kann. Unser Gottesdienst ist sehr leicht zerbrechlich, und wir müssen sorgsam sein. In einer Handlung ist nur dann Sorgsamkeit, wenn wir über dessen Ergebnisse nachdenken. Unser Großsheikh bringt uns dies, damit wir in Sicherheit sein können. Ohne Denken erreicht niemand wahres Leben, haqqu l-hayat . Mit den Worten unseres Großsheikhs: Es ist das Elixier des Lebens. Wir können nicht aus einer zerbrochenen Tasse trinken.

Was bedeutet wahres Leben? Unser Leben ist wie das Leben der Tiere. Ein Tier lebt, stirbt und endet. Wir Menschen müssen uns davon unterscheiden. Der Unterschied besteht darin, daß wir die Möglichkeit zu wahrem Leben haben. Wenn ein Mensch seine Gelegenheit nutzt, erreicht er vielleicht die Ebene ewigen Lebens. Wenn er sich am tierischen Leben erfreut, nur zu essen, zu trinken, zu heiraten, bedeutet das, daß er seine Chance nicht nutzte. Jemand, der wahres Leben erreichte, wird niemals zu Staub in seinem Grab werden. Nach eintausend Jahren wird er sein, wie er an dem Tag war, da er begraben wurde. Leben besteht nicht nur aus Atmen, sondern wir leben durch unsere Seelen, unser Geist ist für immer lebendig.

Eine Stunde, nachdem unser Großsheikh gestorben war, kam der Arzt und begann, ihn künstlich zu beatmen, obwohl es kein Anzeichen für Atem oder Puls mehr gab. Da öffnete unser Großsheikh die Augen und sagte auf Türkisch: „Laß es sein!“ Der Doktor rannte weg. Das Leben setzt sich fort.

Als einmal ein Wali starb und sein Schüler versuchte, sein Gesicht nach der Qibla hin zu drehen, sagte er: „O mein Sohn, mach dir keinen Mühen, Er hat mein Gesicht Ihm zugewendet.“ Der Murid sagte: „O mein Sheikh, bist du nicht gestorben?“ Und der Heilige antwortete: „Weißt du nicht, daß alle, die ihren Herrn wahrhaft lieben, leben und nicht sterben? Jetzt kommt nur ein Schleier zwischen uns.“ So geschah es auch hier in Damaskus, daß sie einen Wali, Hasan ar-Raie, der schon fünfhundert Jahre tot war, von einem Ort zu einem anderen trugen. Als sein Nachkomme die Hand unter seinen Nacken legte, um ihn zu bewegen, versetzte Hasan ihm einen Schlag. Da zitierte der Nachkomme Qur‘an, daß wir Allah und Seinem Gesandten und all denen, die bevollmächtigt sind, gehorchen müssen wie einem Befehl der Regierung. Darauf überantwortete sich der Sheikh. Wer ohne zu denken handelt, erreicht niemals wahres Leben. Jeder muß versuchen, in seinem Leben wahres Leben zu erreichen. Es ist eine wichtige Verantwortung. Am Tag der Seelen versprachen wir unserem Herrn, daß wir es versuchen würden. Dies ist das klare Ziel in allen Handlungen und Gottesdiensten. Allah bedarf des Gottesdienstes nicht. Er befahl es, um uns zu helfen.

Wer dieses wahre Leben erreicht, ist seiner Verantwortung gerecht geworden. Wir müssen über jede Handlung nachdenken; es ist ein Weg, wahres Leben zu erreichen. Welches ist die höchste Lehre der Naqshbandi Tariqat? Die, jedermann beizubringen, wie er unliebsame Dinge tragen kann, wie man Schwierigkeiten entgegentritt. Wir können sie nicht in Angriff nehmen, ohne zu denken; daran zu denken, daß es der Wille unseres Herrn ist. Wir sind schwach und können Schwierigkeiten nicht durch unsere eigene Kraft ertragen, aber dieses Nachdenken und Sich-Überantworten erlaubt es Seinem Willen, uns zu tragen. Mit Seinem Willen haben wir die Kraft, allen Schwierigkeiten entgegenzutreten.

Dieser Punkt kann nur dadurch erreicht werden, daß man über alles nachdenkt. Die Ebene des Denkens ist so weit, wie du dir vorstellen kannst. Denken ist der Schlüssel zur Wirklichkeit. Alles, was wir heute haben, ist die Frucht des Denkens. Unter allen Religionen ist es der Islam, der dem Denken den meisten Wert gibt. Dies durch das Hadith: „Eine Stunde des Nachdenkens ist siebzig Jahres Gottesdienst wert.“ Die Vollkommenheit des Menschen liegt in seinen Worten verborgen. Dieses Hadith genügt Leuten, die denken, um zu wissen, daß der eine, der es sagte, vollkommen ist, von hoher Persönlichkeit. Die Worte unseres Propheten sind es wert, daß sie überall in goldenen Buchstaben geschrieben werden. Unser Großsheikh fragt: Wer ist in der Lage, zu verstehen? Alle? Wieviele in einer Versammlung von eintausend Leuten verstehen den Sprecher? Wer zuhört, versteht. Du sagst vielleicht: „Oh, wir hören zu.“ Der Mensch hat zwei Arten von Ohren, eine am Kopf, die andere im Herzen. Wer nur mit seinem Kopf zuhört, hört nicht zu. Das Verstehen ist im Herzen. Wenn dein Herz sich regt, vermagst du zuzuhören.

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