Maulana Sheikh NazimNafs-Training
Tariqatuna s-sohba wal- khairu fi l-jam‘ia, sagte Shah Naqshband, gesegnet sei seine Ruhestatt, und sein heiliger Einfluß sei mit uns, dem Sprecher wie den Zuhörern, und möge sein heiliger Eifer auf uns übergehen. Meddet. Knechtschaft ist sowohl leicht als auch schwer. Knechtschaft ist der Weg der Näherung zu Allah dem Allmächtigen. Durch die Knechtschaft gelangt der Mensch zu Gottesnähe. Alles Handeln, das nicht von Knechtschaft spricht, ist shaitanisches Handeln. Solches Handeln entfernt den Menschen von Gott, bringt ihn Shaitan näher, darüber muß man sich klar sein. Jede Handlung, die um Allahs willen geschieht, führt zu Gott, jede Handlung aber, die für Shaitan getan wird, führt zu diesem – es gibt keinen dritten Weg, keine andere Wahl: entweder Gottesnähe oder Verbindung mit Shaitan.
Alle Tariqats haben die Gottesnähe zum Ziel. Tariqat bedeutet die (praktische) Anwendung von Shari‘a, ohne Shari‘a gibt es keine Tariqa, und ohne Tariqa kann die Shari‘a nicht richtig laufen. In der Tariqa wird die richtige praktische Umsetzung der Shari‘a gelehrt, und die Anwendung ist von wesentlicher Wichtigkeit, denn für sich allein kommt man nicht von der Stelle.

Können etwa Schiffsreisende auf hoher See ohne einen Kapitän ihren Weg finden? Ein vollbeladenes Schiff mitten auf dem Meer, und kein Kapitän – unmöglich! Sobald das Boot den sicheren Hafen verläßt, wird es von so vielen bitteren und verwirrenden Winden angefallen, die Shaitan verursacht, um den Menschen in die Irre zu treiben. Wer an einem festen Pfeiler geankert hat, den kann nichts beirren, ihm kann nichts schaden, wer aber unverbunden lose umhertreibt, der wird von Shaitans Stürmen emporgehoben und fortgeblasen. Wer einmal hoch oben in der Luft treibt, hat es sehr schwer, wieder auf festem Grund zu landen, – ja, er steigt und steigt womöglich immer höher, bis daß er platzt – dann erst fällt er auf die Erde zurück. Wer so als Bruch zurückkommt, ist zu nichts mehr nütze, fertig, aus.

Shari‘a ohne Tariqa ist also eine Form ohne Inhalt, eine unbeseelte Gestalt. Egal, welcher Tariqa man angehört, jede Tariqa lehrt, wie die Shari‘a anzuwenden ist. Da es hier etwas zu lernen gibt, ist eine Unterweisung nötig. Wer nichts lernen will, der braucht auch keinen Lehrer, doch wenn etwas gelernt werden soll, dann muß ein Lehrer her. Wie verhielt es sich bei den hochgeehrten Sahaba, Allahs Wohlgefallen sei auf ihnen allen, wer war ihr Lehrer? Kein anderer als der heilige Prophet, der Segen Allahs sei mit ihm. Nachdem der heilige Prophet, der Segen Allahs sei mit ihm, verschieden war, lehrte sie sein Stellvertreter und Nachfolger. Wir brauchen nun solche Lehrer, die uns an der spirituellen Front unterweisen. Die Sahaba sind allesamt dazu befähigt worden, jeder von ihnen besitzt das Geheimnis, alle zeigen uns den Weg zu Allah, keiner von ihnen führt uns in die Irre, niemals. So wie der heilige Prophet (s.a.s.) gesagt hat: Meine Gefährten sind wie Sterne am nächtlichen Himmel – der Mensch findet seinen Weg, indem er sich an den Sternen orientiert. Auf die Sahaba folgen deren auserwählte Nachfolger, die den rechten Weg weisen. Wer ihnen folgt, rettet sich, wer sich aber weigert, fällt Shaitan in die Hände. Wer keinen Führer zu Gott gefunden hat, weil er keinen gesucht hat, der fällt Shaitan zum Opfer.

Was fällt dem Nafs (Ego) am allerschwersten? Sich einem anderen zu beugen, fügsam zu sein. Das Nafs sagt dir: Ich weiß alles!“, und wenn du es fragst: „Gibt es irgendeinen, der dir überlegen wäre?“, dann sagt es: „Nein, niemand ist besser als ich, ich bin der beste, der vollkommenste – wie kannst du bloß eine solche Frage stellen? Wie könnte das sein, hast du in all diesen Jahren noch nicht begriffen, daß ich der beste, der größte, vollkommenste, edelste von allen bin? Habe ich’s dir nicht oft genug gesagt, daß ich der größte bin – mich mußt du anbeten! Wenn du mich liebst, betest du mich an!“ So verhält es sich mit dem Nafs eines jeden von uns, es behauptet immerzu: „Keiner ist größer als ich!“

Einer der hochlöblichen Sultane, möge Allah ihm einen Platz im Paradies bereiten, sagte einmal zu seinem Wezir: „Schauen wir uns doch einmal die Gelehrten und Sheikhs an, wie es um sie bestellt ist.“ Der Wezir antwortete: „Heute Abend ist eine große Versammlung, da können wir sie uns ansehen und er - fahren, was die Doktoren der Shari‘a von den Sheikhs der Tariqats unterscheidet.“ Als es Abend geworden war, begaben sie sich zu der Versammlung und nahmen (unerkannt) in einem Eck Platz. Als erster betrat ein großer Gelehrter den Raum. Der Wezir verbeugte sich vor ihm, küßte den Saum seines Gewandes, grüßte ihn mit dem Gruß des Friedens, dann fragte er: „Wer wird wohl dieser Versammlung heute vorsitzen?“ Der Gelehrte gab ihm zur Antwort: „Wie kannst du nur so töricht fragen, kennst du mich denn nicht? Wer könnte außer mir diese Versammlung führen?“ Da setzten sie sich wieder. Der nächste große Doktor der Theologie kam herein, – denn die Gottesgelehrten waren in der damaligen Zeit, was in unserer Zeit die Doktoren sind – und der Wezir fragte ihn, wer denn die Versammlung leiten werde. Nun war dieser Gelehrte etwas bescheidener, er neigte sein Haupt und murmelte: „Man sagt, die Führung würde mir übertragen ...“, womit er sich selbst ernannt hatte. Danach kam ein dritter, den sie ebenfalls befragten. Dieser begann mit: „La haula wa la quwwata ... was für eine Frage! Wie könnt ihr nur fragen, wo ich zugegen bin – wie wagt ihr das nur?“ Ein vierter kam herein, von äußerst ehrwürdigem Gebaren, mit einem schön verzierten Stock. Als sie diesen fragten, wer denn die Versammlung des heutigen Abends leiten werde, gab er zur Antwort: „Schaut nicht auf das Äußere meiner Gewänder und Erscheinung, sondern betrachtet die Größe meines Wissens und meiner eigentlichen Statur – keiner ist größer als ich, darum bin ich natürlich der Leiter der Veranstaltung.“ So kamen sie einer nach dem anderen herein, ein jeder von ihnen der Größte, der Beste, der Unübertroffene. Vierzig Gelehrte hielten ihren Einzug, und jeder verhielt sich auf die gleiche Weise.

Dann kam die Reihe an die Derwische, und sie hielten alle ihre Roben um sich gehüllt. Der Wezir fragte den ersten: „Oh, Sheikh Efendi, welcher von euch Tariqat-Leuten wird diese Versammlung leiten?“ Dieser antwortete: „Jener, der nach mir kommt, o mein Sultan.“ Darauf fragte er den zweiten, der ihm dieselbe Antwort gab, und dann den dritten, den vierten, den zehnten usw., bis sie alle eingetreten waren, und jeder hatte auf den verwiesen, der nach ihm kommen würde. Schließlich kam die Reihe an den Letzten, den Geringsten von allen, der mit seinem schiefsitzendem Turban nur noch den untersten Platz fand.

Auch diesem stellten sie dieselbe Frage, und er sagte: „Was fragt ihr mich? Worauf wartet ihr noch, der, den ihr sucht, der ist schon längst hineingegangen! Habt ihr ihn etwa nicht gesehen, daß ihr mich fragt, der ich gerade noch hier bei der Tür hocken darf?“ Da sahen der Padishah und der Wezir einander an und hatten alles so gut verstanden,daß sie gar nicht mehr an der Versammlung teilzunehmen brauchten.

<name = „gurke“>
Dies ist ein Gleichnis von reifen und unreifen Menschen. In früheren Zeiten wurde ein Student, nachdem er seine formelle Ausbildung erhalten hatte, zu einem murshid-i-kamil, einem vollkommenen geistigen Führer, in den Dienst gegeben, damit er von seiner Unreife geheilt werde. Eisen wird erst dadurch zu Stahl gehärtet, daß es viele Male ins Feuer gehalten wird. Geschieht dies nicht, so bleibt es nur Roheisen, das beim ersten Schlag zerbricht wie eine <b>Gurke</b>, während eine gehärtete Stahlklinge zuschlägt und elastisch zurückfedert. Äußerlich sieht man keinen Unterschied: beide Klingen sind aus Eisen.

So auch der Mensch: ein Mensch, der durch viele Prüfungen gegangen ist, der viel an Askese und Gebetsübungen auf sich genommen hat, und einer, der nicht dergleichen tat: beide sehen sie aus wie Menschen, und doch sind sie nicht gleich. Der eine wird von seiner tierischen Seele getrieben, während der andere in sich die Attribute der Vollkommenheit entwickelt hat.

In unserer heutigen Zeit werden so viele Bücher und islamische Schriften gedruckt, und die modernen Muslime und Doktoren der Shari‘a lesen das und halten sich danach für reif und voll ausgebildet. Nie würde es ihnen in den Sinn kommen, sich in den Dienst eines Sheikhs oder Weisen zu begeben, um dort ihre Reife zu erlangen. Sie glauben, durch Lesen und durch das Füllen ihrer Bücherschränke können sie genug lernen. (Manchen dienen ihre gefüllten Bücherwände auch als Dekor.) Sie nehmen an, daß sie sich selber etwas beibringen können, als sei dies möglich. Wäre das so, dann wären alle Schulen überflüssig und würden geschlossen, man bräuchte keinen Lehrer, jeder könnte zu Hause sitzen mit seinen Büchern – es müßte keine Schule geben, keine Lehrer, keine Schulbücher, keine Prüfungen, Schularbeiten – nur so ist es eben nicht. Früher gab es in den Schulen Unterricht im Vortragen, Rezitieren (Qira’at), jetzt hat man das abgeschafft, mit dem Erfolg, daß keiner seine Rede mit Hilfe von Notizen mehr richtig vortragen kann, weder der Sprecher im Parlament noch der lmam in der Jum‘a Khutba. (Doch unser Präsident, der hat vieles studiert, daher kann er frei vortragen ...)

Wer sich von seiner Unreife befreien will, der muß sich in die Feuer der asketischen Püfungen begeben – anders ist es nicht möglich. Darum, wer unreif von hinnen scheidet, der muß dann im Feuer der Hölle reifen. Hier geschieht dies durch die verschiedenen Formen der Gebetsübungen, des Fastens, Gehorsams, des Rückzugs, wodurch man sich bemüht, das aufsässige Nafs in seine Gewalt zu bekommen. Wer darum bemüht ist, der bedarf keines Höllenfeuers. Doch wer im Ungehorsam und in Unreife aus dieser Welt geht, der muß in die Hölle – das ist ihr Sinn und Zweck. Das Nafs stellt große Behauptungen auf: keiner ist größer, stärker, klüger, edler, verständiger als ich – ich, ich, ich!! Du? In meinem Wörterbuch kommt so ein Wort nicht vor, es gibt kein du, es gibt nur mich! Für das Training des Nafs ist ein Trainer nötig. Wenn man einen untrainierten Hund zum Jagen schickt, wird er die Beute einfach auffressen. Doch die Menschen verstehen sich auf das Dressieren von Hunden und haben sie so zur Jagd abgerichtet, daß sie jagen und die Beute ihrem Herrn zurückbringen, auch wenn sie selbst hungrig sind. Sie legen sie ihrem Herrn zu Füßen und warten, ohne zu fressen. Wenn man also einen Hund abrichten kann, wieso verweigert sich dann das rebellische Nafs des Menschen dem Training? >
„Nein“, sagt es, „das nehme ich nicht an, das brauche ich nicht, ich bin schon gut genug trainiert. Der mich trainieren will, der ist es, der das Training braucht – gibt es denn einen, der besser trainiert wäre als ich? Der besser, gerechter, geeigneter wäre, – um ein geopfertes Schaf aufzuteilen und zu verteilen? Hier – ich nehme die beiden Vorderläufe für mich, und dann nehme ich die beiden Hinterhachsen, und die Leber, wer mag die schon – und dann, na dann noch den Hals, der ist auch für niemanden gut – alles andere laß ich für die anderen übrig, das ist meine Gerechtigkeit – wie kann es größere Gerechtigkeit geben?“ So erscheint es aus der Sicht des Nafs.

Zwei Katzen stahlen einen Käse. Dann begannen sie zu streiten und sich zu prügeln darüber, wie sie den Käse gerecht untereinander aufteilten. Sagt die eine: „Nein, ich geb dir meinen Anteil nicht zu essen, der ist mir!“ Und die andere sagt: „Nein, von meinem Stück sollst du nichts haben, das ist meins!“ So beschlossen die beiden, die Sache vor Gericht zu bringen, um einen gerechten Schiedspruch zu erwirken. Im hohen Gericht sitzt der Qadi, der Richter, dieser ist ein Affe, der bebrillt hinter seinem Richterpult sitzt, vor sich eine Waage. Die Kläger treten vor den Richter und erklären ihm den Fall: „Wir beide sind Teilhaber dieses Käses und können uns nicht einigen, wie wir ihn unter uns gerecht aufteilen sollen, darum sind wir vor Gericht gegangen, damit Gerechtigkeit walte.“ „Aha“, sagte der Affe, „genau darum sitz ich ja hier.“ Er zerschneidet den Käse in zwei Teile und legt diese in die beiden Waagschalen. Doch die Käsestücke sind nicht gleich ausgefallen, eines ist ein wenig größer als das andere, also schneidet der Richter ein Stück von dem zu großen Stück ab und ißt es auf. Jetzt ist aber plötzlich das andere Stück zu groß geworden, also muß er davon etwas abschneiden, und was soll er mit dem Stück machen? Also ißt er es auf. Jetzt sieht er, daß die Stücke immer noch nicht gleich groß sind, und so schnipselt und schnitzt er an den Käsestücken weiter, wobei er sich das Abgeschnittene immer in den Mund schiebt, so daß die Katzen ihren Käse allmählich schwinden sehen. Da fangen sie an zu schreien und rufen: „Nein, nein, so wollten wir das nicht, aufhören!“ Aber der Affe sagt: „Ausgeschlossen, ich übe nur Gerechtigkeit, ich nehme eine gerechte Verteilung vor...“, und er fährt auf diese Weise fort, bis der ganze Käse aufgegessen ist. Daraufhin sagt er zu den unglücklichen Katzen: „Er war eben nicht für euch bestimmt, es war nicht euer Kismet, sondern das meinige, drum zieht nun eures Weges ...“

So stellt sich der Mensch des zwanzigsten Jahrhunderts die Gerechtigkeit vor, es ist dies die Gerechtigkeit des Nafs. Aber es steht geschrieben: „wa anzalna lmizan“, und Wir haben ein Maß herabgesandt – d.h. Allah hat ein Maß für die Gerechtigkeit gesetzt, so daß wir nicht nach unserem eigenen Ermessen urteilen, sondern entsprechend der Shari‘a und ihren Entscheidungen. Darin finden wir gerechtes Urteil, andernfalls ergeht es uns wie den Katzen mit ihrem Käs’, als sie ihn dem Affen zum Zerteilen brachten. Das ist es, was ihnen geschah und geschieht. Das Nafs ist wild, ungehobelt, niederträchtig und teuflisch. Wer sich nach ihm richtet, der kommt zu Schaden. Allah hat dem Menschen die Kraft gegeben, selbst Löwen zu zähmen, Allah erschuf den Menschen, um den Löwen zu bändigen. Nicht jeder kann es, aber es gibt doch einige, die es können. Wenn du dich dem Löwen entgegenstellst, wird er dich fressen, aber vor seinem Trainer fürchtet er sich, ihm gehorcht er. Wenn du dich ganz allein, nur mit eigener Kraft, deinem Nafs entgegenstellst, dann vernichtet es dich, denn es ist furchtbarer als ein Löwe. Du mußt dich einem Nafs-Trainer unterwerfen, damit er dich in der Unterwerfung deines Nafs unterweist.

Als der Prophet der Endzeit kam, salla llahu ‘alaihi wa sallam, mußte er das Nafs seiner Gefährten bearbeiten, und diese waren wie schreckliche Drachen! Aber er brachte sie zum Verschwinden und führte sie von der niedersten Stufe (asfalu safilin) zur höchsten Stufe hinauf (‘ala iliyyin). Seit jener Zeit hat es keine bessere, höherstehende Gemeinschaft gegeben als die der Prophetengefährten, denn ihr Nafs-Trainer war der heilige Prophet selbst, ‘alaihi salatu wa salam, er förderte das Gold aus der siebenten Tiefe des Erdreichs hinauf in den siebenten Himmel, er führte sie ihren himmlischen Stationen zu. Trainer sind solche, die die Genehmigung des heiligen Propheten dazu haben. Wer diese nicht besitzt, kann unmöglich dazu taugen. Unsere modernen Doktoren der Shari‘a, die heutigen Hojas und Imams, die Religionsbeamten können es gewißlich nicht sein. Wir bitten Allah, uns nicht unserem Nafs zu überlassen – Amin – und uns zu Seinen lauteren Dienern zu führen, die unserem Nafs Training erteilen können. Allah, Allah, Allah

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