Maulana Sheikh NazimSheikh Abdullah und der König von Jordanien

Eines Tages saß ich in der Gegenwart unseres Großsheikhs, da wandte er sich mir zu und erzählte mir folgende bemerkenswerte Begebenheit über seine Begegnung mit König Abdullah von Jordanien, dem Großvater König Husseins. „O Nazim Efendi“, sprach er, „vor einigen Jahren begab es sich, daß vor Anbruch der alljährlichen Pilgerzeit mir eine Botschaft des heiligen Propheten zukam. Diese wurde mir überbracht von einem jener Heiligen, die man die ‚Brieftauben des heiligen Propheten‘ nennt. Über den Inhalt der Botschaft war ich sehr überrascht und verwundert; mir wurde nämlich aufgetragen, noch im selben Jahre die Pilgerfahrt nach Mekka zu unternehmen, dabei jedoch nicht auf dem Luft- oder Seewege zu reisen, sondern nur über Land.“

Also machte ich mich auf nach Mekka, und, in Amman angekommen, wurde ich von einem zweiten Boten des Propheten angesprochen. Er begrüßte mich und fragte dann, ob ich gerade in Amman angekommen sei. Ich bejahte seine Frage, ich sei tatsächlich gerade aus Damaskus eingetroffen. Darauf erwiderte er: ‚Deine Reise ist vorerst beendet. Gib uns dein Geld, wir werden damit einen anderen nach Mekka schicken; und was dich betrifft, du sollst zunächst hier in Amman bleiben‘.“ So kam es, daß Großsheikh Abdullah auf Befehl des heiligen Propheten für einige Zeit in Amman blieb.

Nun bekleidete zu der Zeit in Jordanien ein Tscherkesse das Amt des Großmuftis. Das Land der Tscherkessen im Kaukasus ist Daghistan, der Heimatprovinz unseres Großsheikhs unmittelbar benachbart, und die Flüchtlinge aus all diesen kaukasischen Staaten, die unter sowjetische Beherrschung gefallen waren, hielten auch im Exil eng zusammen. Unser Großsheikh und der Großmufti kannten sich seit vielen Jahren; daher beschloß Sheikh Abdullah, ihm jetzt einen Besuch abzustatten. Als sie sich diesmal wiedersahen, lud ihn der Großmufti ein, an den Hof des Königs zu kommen, und versprach, eine Gelegenheit zu finden, Sheikh Abdullah dem König Abdullah vorzustellen, denn der König war von jeher daran interessiert gewesen, die verschiedensten Sheikhs und islamischen Gelehrten kennenzulernen. König Abdullah pflegte zu sagen: „Wenn ich mich mit Gelehrten unterhalte, sehe ich ihnen gern dabei ins Gesicht. Kommt bitte nicht zu mir mit euren Büchern vor der Nase – das kann ich nämlich selber auch: aus einem aufgeschlagenen Buch vorlesen. Was mich interessiert, ist das Wissen eurer Herzen, von Herz zu Herz. Sagt mir also, was ihr wißt!“ (Gerade sendet man mir zu diesem Thema eine Geschichte innerhalb der Geschichte. Als ich mich setzte und zu sprechen begann, wußte ich noch nicht, was kommen würde; aber jetzt senden ‚sie‘...:)

Es lebte einmal ein Großsheikh namens Abdul Wahhab Ash-Sha’arani, der war sowohl ein hervorragender Gelehrter als auch ein großer Heiliger. Sein Wissen und sein gottvoller Lebenswandel waren von so ungewöhnlichem Ausmaß und von solcher Überzeugungskraft, daß sogar Christen und Juden allgemein an seine Heiligkeit glaubten. Wo immer er sprach, lauschten alle aufmerksam seinen Worten. Betrat er eine Kirche, so gaben die Priester ihm das Wort, denn seine Kenntnis der heiligen Schriften war so tief und umfassend und sein Verständnis so akkurat, daß Priester und Rabbiner einander gestanden: „Bevor wir die Auslegungen dieses Sheikhs hörten, haben wir unsere eigenen Schriften nie richtig verstanden. Dieser Sheikh hat uns unsere eigenen heiligen Bücher verstehen gelehrt.“ Als er starb, kamen alle Juden und Christen, um ihn auf ihren Friedhöfen beizusetzen; alle behaupteten: „Dieser Sheikh gehörte zu unserem Volk.“ Einmal sagte dieser Großsheikh Abdul-Wahhab Ash-Sha’rani: „Wenn zum Jüngsten Tag geblasen wird, dann ruft Allah der Allmächtige einen Religionsgelehrten zu Sich und fragt ihn: ‚Bist du ein Gelehrter der Religion?‘ Dieser wird erwidern: ‚Du weißt es, o mein Herr!‘ ‚Auf Grund welches Wissens behauptest du, ein Gelehrter zu sein? Welche Art von Wissen hast du in deinem Leben erworben?‘ ‚O mein Herr, ich konnte den ganzen Qur’an auswendig.‘ ‚Ist das dein Wissen?‘ Ja, Herr.‘ ‚Nein, du irrst, denn der Qur’an ist Mein Wissen, nicht das deinige. Sag Mir also, was du sonst noch gewußt hast.‘ ‚Tausende von heiligen Überlieferungen konnte ich auswendig.‘ ‚Das ist das Wissen Meines Propheten, nicht deines.‘ ‚Ich kannte mich gut aus in der Shari‘a (dem göttlichen Gesetz) und wußte über sehr viele Artikel der islamischen Rechtswissenschaft Bescheid.‘ ‚Das ist das Wissen der Imame der Rechtsschulen, nicht das deinige. Was noch?‘ ‚Ich kannte viele Geschichten aus dem Leben der großen Sufis und Heiligen.‘ ‚Auch das war nicht dein Wissen, sondern das ihrige. Wenn du Abu Yazid, Salman, Hasan Al-Basri oder Imam Ghazzali zitiertest, dann war das ihr Wissen, nicht das deine. Aber welches Wissen gehörte dir?‘“ Auf diese Weise zieht ihm Allah der Allmächtige eins nach dem anderen die Felle weg, so daß er erkennen muß, daß er eigentlich während seines ganzen Lebens gar kein Wissen erworben hatte. Dann fragt ihn Allah der Allmächtige weiter: ‚Was hat dich zu deinen Lebzeiten aufgehalten, daß du jetzt nichts vorzuzeigen hast? Jene Imame und Sufis waren anfänglich Menschen genau wie du auch, aber sie haben echte Anstrengungen unternommen, um einen Tropfen aus dem Meer Meines Wissens zu erringen – sie erflehten es von Mir, und Ich gab ihnen davon. Hättest du nur einmal darum gebeten, so hätte Ich dir auch gegeben. Aber du fragtest ja nicht danach, dir genügte dein Lesen und Auswendiglernen. Deshalb sagen die wahren Erben der Lehre der Propheten, daß nur das dem Herzen entsprungene Wissen auch wirklich als Wissen bezeichnet werden kann. Das vom Verstand aufgenommene Wissen vergeht spätestens mit dem Tode des Gehirns; aber das Wissen, welches unmittelbar vom Herzen aufgenommen wird – die tiefe religiöse Erkenntnis –, wird niemals durch Vergessen gelöscht werden.

Es hat mich immer wieder in Erstaunen versetzt, wie unser Großsheikh, auch als er schon weit über die Hundert war, jedes Thema bis in die letzten Einzelheiten ausführte und niemals den Faden dabei verlor. Das Sprechen und die Besinnung darauf fielen ihm so leicht, daß er nichts auswendig zu lernen brauchte. Ein batteriebetriebenes Tonbandgerät läßt mit der Zeit nach; dagegen wird ein an das Stromnetz angeschlossenes Gerät, dem konstante Energie zufließt, nicht schwächer. Ähnlich stehen die Heiligen mit dem Quell göttlicher Weisheit ununterbrochen in Verbindung; sie sprechen nur, was ihr Herr ihnen eingibt. So geraten sie nie in Gefahr, gedanklich ermüdet oder ausgelaugt zu sein; ihr Wissen ist wahres Wissen. Zwischen diesen beiden Arten von Wissen – dem Wissen des Kopfes und dem Wissen des Herzens – besteht ein himmelweiter Unterschied. Aus diesem Grunde untersagte der vierte Khalif Ali (der Schwiegersohn des heiligen Propheten und der Erbe der inneren Lehre) allen Predigern der Stadt Basra bis auf zweien das öffentliche Lehren in den Moscheen. In der ganzen Stadt Basra fand er nur zwei Lehrer, deren Wissen nicht nur äußerlich angehäuftes, sondern verinnerlichtes Herzenswissen war. Nur diesen beiden: Qadi Shureyh und Hasan Al-Basri gestattete er die religiöse Unterweisung des Volkes. Die übrigen nannte er Geschichtenerzähler, die keine Ahnung hätten von dem, was sie erzählten, und daher für das innerliche Wohlbefinden der Zuhörer eine Gefahr seien. Er verglich sie mit Scharlatanen, die sich auf dem Schwarzmarkt ein Doktor-Diplom besorgen, sich eine Ordination einrichten und sich als Ärzte ausgeben: „Kommt zu mir, wenn ihr krank seid, ich bin ein Arzt.“ Wir nennen solche Leute ‚Plastik-Köpfe‘, und gerade in unserer Zeit gibt es von ihnen mehr denn je. Sei kein ‚Plastik-Kopf‘!

Es gibt Zier-Äpfel, Bananen und Trauben aus Plastik, die auf den ersten Blick aussehen wie echtes Obst, aber, wenn ich ein Stück davon essen will – Pfuuuh!! – dann merke ich erst, was das ist, und spucke es sogleich aus. Auch beim Einkaufen suchen wir möglichst nach frischen Trauben anstelle von Kühlhausware; denn, obwohl Kühlhaustrauben noch genießbar sind, so sind doch die frischen weitaus saftiger und unvergleichlich viel schmackhafter. Wenn wir also Kühlhausobst nur widerwillig essen, wie sollen wir dann erst Plastikfrüchte genießen können?

Unser Großsheikh betrat nun die Versammlung des Königs Abdullah und sprach: „O mein König, zwar bin ich des Schreibens und Lesens nicht kundig, aber ich trete mit Kenntnissen einer nicht ganz gewöhnlichen Art vor Euch: Ihr sollt nämlich wissen, daß Euer Ahnherr, der Prophet Muhammed – Friede und Segen sei auf ihm – in dieser Versammlung geistig gegenwärtig ist und daß er mich als seinen Boten benutzt. Ich habe eine wichtige Botschaft von ihm an Euch, und solltet Ihr ihn etwas fragen wollen, so bringe ich Euch die Antwort. Vielleicht macht Euch diese Behauptung stutzig, aber ich werde Euch den Beweis dazu liefern, damit Ihr meinen Worten leichter Glauben schenken könnt. Denn wenn Ihr mir nicht glaubt, daß meine Worte dem Herzen des heiligen Propheten entsprungen sind, so werdet Ihr ihnen keinen Wert beimessen, und meine Rede wird umsonst gewesen sein.“ „Was ich Euch sagen will, wird Euch nur nutzen, wenn Ihr daran glaubt. Deshalb liefere ich Euch einen Beweis, damit Ihr ohne Zweifel wißt, daß ich kein Lügner bin; denn gilt im Islam nicht das Lügen als die größte Sünde, und ist nicht der Lügner von Gott verdammt? Wisset also, daß ich nicht lüge, wenn ich behaupte, daß Euer Vorfahre, der heilige Prophet, in seiner geistigen Gestalt in unserer Mitte weilt, und daß ich Euch jetzt seine Worte mitteile. Hier ist die Botschaft und der Beweis meiner Behauptung: Er läßt Euch sagen:

‚O König Abdullah, ich kenne dein Vorhaben, und ich warne dich davor, es auszuführen. Es ist ein sehr gefährliches Unterfangen, und jetzt ist nicht die rechte Zeit dafür.‘“ Der König blickte argwöhnisch zu seinem Großmufti hinüber, welcher auf der Stelle anhub zu beteuern: „Allah ist mein Zeuge, ich habe mit keinem Menschen über dieses Geheimni.s gesprochen, keiner Seele habe ich davon erzählt!“ Dann sagte der König: „Bei der Allmacht Allahs schwöre ich, daß keiner, außer Allah und diesem Mufti, von meinen Plänen etwas gewußt hat.“

Seit dieser Begebenheit sind gut 50 Jahre vergangen. Jetzt sprechen wir von einem bereits historischen Ereignis. König Abdullah hatte beabsichtigt, gegen die Saudis ins Feld zu ziehen, um die heiligen Städte Mekka und Medina, die vormals seiner Herrschaft unterstanden, aus ihren Händen zu befreien. Seinen Plan hatte er einzig und allein dem Mufti anvertraut. Aber es gab da noch etwas, was der Großmufti nicht wußte. So sprach jetzt der König zu Sheikh Abdullah: „Nun weiß ich mit über jeden Zweifel erhabener Gewißheit, daß du tatsächlich des heiligen Propheten Bote an mich bist, denn deine Worte bestätigen und erklären mir einen äußerst befremdlichen Traum, der mir unlängst träumt und den ich bislang niemandem erzählt habe. Ich sah mich selbst in der Moschee des heiligen Propheten zu Medina stehen, als ich von einem tobenden wilden Löwen angefallen wurde. Ich begann, mit ihm zu kämpfen. Bald aber war ich übermannt, und das Untier nahm gerade Anlauf, um mir den Garaus zu machen und mich zu verschlingen – als ich voller Angst und Entsetzen erwachte. Durch deine Worte ist mir die Bedeutung des Traumes klar geworden, und ich weiß, daß ich meinen Plan aufgeben muß.“

Es gibt einen Ausspruch des heiligen Propheten: „Wer auch nur einen einzigen Tropfen Blutes eines Mitgliedes meiner Nation vergießt, der begeht eine so schwere Sünde, daß er am Jüngsten Tage vor dem Göttlichen Gericht keine Rechtfertigung dafür wird finden können. Ihr müßt dies um jeden Preis vermeiden.“ „Dann“, so schloß mein Großsheikh, „verstand ich, weshalb mich göttliche Vorsehung nach Amman bestellt hatte.“

- 01.07.1981
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