Maulana Sheikh NazimVerborgene Welten - Jetzt bin ich Meer
(Fortsetzung von Lichtblick 99) Ich begrüße all unsere Gäste hier – ihr seid uns herzlich willkommen. Macht es euch bequem, ihr sollt euch wohlfühlen, wir sind hier in keiner Schule. Keine Angst, wir werden keinen Unterricht erteilen, keiner muß Prüfungen ablegen. Wir haben uns hier aus freien Stücken zusammengefunden, an einem anspruchslosen Platz, an dem bescheidenes Volk verkehrt. Die Anwesenheit unserer hochgeschätzten Gäste ehrt uns. Ich bitte meinen Herrn, unseren Gästen von Seiner göttlichen Ehre zu geben, denn Seine Ehre ist absolute Ehre. Jede Zusammenkunft sollte einem guten Zweck dienen, denn wenn wir unnütz zusammensitzen, verschwenden wir bloß unsere Zeit, und Zeitverschwendung ist nichts Gutes. Wirklich klug sind wir, wenn wir jeden Schritt und jeden Augenblick in unserem Leben nutzbringend und bedeutungsvoll gestalten können und aufhören, mit sinnlosen Unternehmungen unsere kostbare Zeit zu verplempern. Darum bitte ich meinen Herrn, daß Er uns von Seiner Weisheit etwas mitteile, damit Seine verehrten Gäste, die Er zu uns geführt hat, an unserem Zusammensein hier wahre Freude haben, und daß keiner uns unbefriedigt verläßt. Mit diesem Gebet legen wir das Fundament für unser Gebäude und warten nun auf eine Eingebung von unserem Herrn, die wir für unser Leben nützen können und die unsere Herzen mit der Freude an unserem Herrn erfüllt, dem Herrn der Welten. Wir alle sind Söhne Adams, und nach Aussage aller Propheten sind die Söhne Adams über aller Kreatur mit der Ehre ausgezeichnet worden, Gottes Stellvertreter auf Erden zu sein. Jeder einzelne ist dazu erschaffen und ausersehen. Man fragt sich: Wie ist es möglich, daß jeder der zig Millionen der Söhne Adams alle in einem einzigen Universum Gottes Stellvertreter (Khalif Allahs) sein sollen? Womöglich sieht es von außen so aus, als wären wir alle in einem einzigen Universum angesammelt, aber aus der Sicht höherer Wirklichkeit erscheint es ganz anders. Wißt ihr denn nicht, daß euer Herr über Meere unendlichen Willens, Wissens und grenzenloser Weisheit verfügt? Daß Sein Schaffen von Ewigkeit zu Ewigkeit andauert und daß Seinen Willen und Seine Macht keiner aufhalten kann, und daß nichts Seiner Macht und Seinem Willen standhält? Nur Er allein vermag das volle Ausmaß Seiner Herrschaft und Seines göttlichen Reiches zu ermessen. Dieses ganze wunderbare, erstaunliche Weltgefüge gehört niemandem als unserem Allmächtigen Herrn. Wir können uns zwar über diese Seine Schöpfung einiges an Wissen aneignen, aber wieso nehmen wir an, daß diese uns bekannte Welt die einzige ist? Im heiligen Qur’an bezeichnet sich Allah, der Schöpfer, als „der Herr der Welten“, und „Herr des Universums“, was darauf hindeutet, daß Er Herrscher ist über ungezählte, endlose Welten, deren Zahl keiner kennt. Er vermag für jeden einzelnen der Söhne Adams ein eigenes Universum zu entwerfen und ihm zu schenken. Dadurch würden sich Seine unendlichen Meere der Macht nicht einmal um einen Tropfen verringert haben, noch wären Seine Schätze weniger geworden. Und obwohl wir von außen nur eine einzige Welt erkennen können, hat unser Herr in Wirklichkeit einem jeden der Söhne Adams eine eigene, private Welt beschert; eine Welt aus unsichtbaren, verborgenen Schätzen, die aus dem unergründlichen Ozean Seiner Macht und Gnade auftauchen. Verglichen mit dem unmeßbar großen Weltall, muß der Mensch, körperlich, als unscheinbarer kleiner Wicht erscheinen; aber seinen spirituellen Eigenschaften nach gemessen, erweist sich derselbe Mensch gigantischer als das gesamte Universum. Nun können wir die Menschheit in zwei große Gruppen unterteilen: Zu der einen Gruppe zählen die Menschen, die sich selbst (sprich: ihre inneren Universen) bereits entdeckt haben, während die andere, zu der der weitaus größere Teil der Menschheit zählt, diejenigen umfaßt, die sich selbst noch nicht kennen, deren innere Welten noch der Entdeckung harren. Noch zählen wir zu den „Unentdeckten“, unsere Schätze sind sogar vor uns selbst noch verborgen, wir kennen uns selbst noch kaum. Zu den außergewöhnlich begnadeten und glücklichen Menschen, denen die Selbstentdekkung gelang, zählte Abu Yazid Al-Bistami. Er sagte einmal in bezug auf unser inneres Wesen: „O ihr Söhne Adams, die Wirklichkeit unserer inneren Welten ist von solch unermeßlicher Größe, daß sogar das ganze Weltall darin verschwinden müßte – gleich einem Ring, den man in das Meer wirft: Niemals findet man ihn wieder!“ Als ob man ein verlorenes Kleinod vom Weltraum aus auf Erden suchen wollte; einen Mt. Everest könnte man von so hoher Entfernung vielleicht noch sehen, aber ein so winzig kleines Ding findet man niemals wieder. Ebenso ist das gesamte Universum im Vergleich zu unseren unendlichen inneren Welten verschwindend gering. Um diese gewaltigen Universen in uns zu entdecken, müssen wir die Schlüssel zur Selbsterkenntnis finden. Immer wieder gaben uns die Propheten und Gesandten – gewissermaßen „Sonderbeauftragte“ unseres Herrn – diese Empfehlung. Alle Propheten, sowie die mit der inneren Nachfolge Betrauten, die Heiligen, beschreiben uns auch, wie wir die Suche beginnen sollen: Wir müssen unsere Aufmerksamkeit von außen nach innen führen, von der Welt äußerer Dinge absehen und nach innen blicken. Solange wir von den Annehmlichkeiten dieses Lebens abgelenkt und in Anspruch genommen sind, ist uns der Zugang zu den in uns verborgenen Welten verwehrt. In unserer Zeit haben viele Leute einen lieblichen Duft wahrgenommen und ziehen aus, um an die Quelle des guten Geruches zu gelangen. Sie suchen sie auf der ganzen Welt, lesen die unterschiedlichste Literatur, probieren verschiedenste Methoden aus, sie fahren nach Indien, sogar nach Tibet, nur um die Quelle des guten Duftes aufzuspüren. Ich rieche aber schon von weitem den Gestank! Ein Heiliger kann von seiner Station aus jeden Geruch in der Welt wahrnehmen, und er weiß, ob es ein Wohlgeruch ist oder ein Gestank. Wir leben heute in einer Zeit, in der viele meinen, gute Düfte wahrgenommen zu haben, und daraufhin Institute und Schulen gründen, Gruppen, Programme und Seminare veranstalten; aber so wie ich es sehe, erhalten diese den größten Zulauf auf Grund von marktschreierischer Reklame, in der behauptet wird: „Wer diesem Verein beitritt, dieser Schule folgt, der wird psychische Kräfte erlangen, fliegen lernen, telekinetische Fähigkeiten entwikkeln, sehr interessant, erleuchtet und außergewöhnlich sein, usw. ...“ Dies sind alles nur Reklamesprüche und Werbetricks, die das Volk dahinbringen sollen, dem Klub beizutreten und ihre Zeit gründlich zu verschwenden. Ich aber sage: „O meine Brüder, ich werde hier im Fenster ein Schild anbringen lassen, auf dem zu lesen steht: ‚Wer nichts werden will, ist uns herzlich willkommen! Wer jedoch etwas werden will, der soll nur an Kursen, Lehrgängen und Seminaren jeder Art teilnehmen, soviel er will – da kann er werden, was immer er sich wünscht.‘“ Der Schlüssel (zu wirklicher Entwicklung) ist aber dieser: Wir müssen aufgeben, in diesem Leben etwas sein zu wollen, denn nichts in diesem niederen, irdischen Leben hat wirklichen und bleibenden Wert. -- Wir sind auf der Suche nach den allerwertvollsten Schätzen, und aller Reichtum dieser Erde ist nichts als Staub - ohne Wert, bedeutungslos. Wir sehnen uns aber nicht nach Staub, sondern nach Perlen, himmlischen Kleinodien, und begehren die Schlüssel zu unseren Schätzen; aber, bis daß wir nicht gelernt haben, zwischen der Suche nach höherem Wissen (d.h. jenen unvergänglichen Schätzen) und dem Verlangen nach den Freuden dieser sinnlichen Welt zu unterscheiden, werden diese ersehnten Schätze vor uns fliehen und immer tiefer in die Verborgenheit zurückweichen. Wer also sich selbst entdecken will, muß sagen können: 2 „Ich entsage der Liebe zu diesem niederen, irdischen Leben, und mein Herz mißt ihm keine wirkliche Bedeutung mehr zu; ich strebe nach den himmlischen Schätzen, von denen, in meinen Augen, eine einzige Perle das ganze Universum mit all seinen Reichtümern und Genüssen an Wert übertrifft!“ Wer jene himmlischen Schätze in seinem eigenen Inneren zu erblicken hofft, der muß sich aufmachen: Er muß von sich selbst zu sich selbst gelangen. Er muß sich damit abfinden, nichts zu sein. Deshalb mache ich euch keine Versprechungen, daß ihr hier etwas werden könnt, denn ich wünsche keinem unserer Schüler, daß er etwas sei – vielmehr hoffen wir, daß unsere Schüler eines Tages alles sein werden. Ich will euch das Ganze geben, nicht nur etwas. Wer also „etwas“ sucht, wird sich nie bei uns einfinden, denn ich bin nicht bereit, „etwas“ zu geben. Die, die „etwas“ suchen, sollen es nur suchen gehen – in ihren Instituten, Seminaren, Therapie-Theatern, in Tibet und Indien, bei den Hindus oder Buddhisten, bitte sehr – ich gehöre nicht zu denen, die „etwas“ zu geben haben. Wer aber das Ganze begehrt, der soll zu uns kommen, er ist herzlich willkommen. Wenn einer nur „etwas“ sucht, wir haben kein „Etwas“, wir arbeiten im Großhandel, nicht im Einzelvertrieb. Schaut nach in eurem Beutel: Befindet sich darin genügend ernsthafte Intention, dann kommt hierher; wenn ihr aber nur ein paar Mark ausgeben wollt für ein bißchen „Etwas“, dann geht lieber zum nächsten Krämer, bei dem gibt es davon jede Menge. Wir aber sind Großhändler, und wir führen diesen Titel mit der entsprechenden Autorität. Demnach, was ist der Weg? – Ein Teilzeitarbeiter bekommt Teilzeitlohn, und wer ganztags arbeitet, wird auch entsprechend besoldet. Es ist euch freigestellt: So ihr euch ganz hergebt, werdet ihr vollen Lohn empfangen, und wenn ihr nur einen Teil geben wollt, so werdet ihr diesem Teil entsprechend belohnt. Abu Bakr war unter all den Gefährten des heiligen Propheten der einzige, der sich und all sein Vermögen gänzlich für die Sache Allahs und Seines Propheten einsetzte, und er allein empfing die volle Lehre in seinem Herzen. Was die übrigen Gefährten des heiligen Propheten betrifft, so empfingen sie alle in dem Maße, wie sie gegeben hatten. Unser Weg ist der Weg Sayyidina Abu Bakrs, As-Siddiq, der Weg der Siddiqin (verdeutscht: „Der Weg höchster Treue und Wahrhaftigkeit“). Auf unserem Wege müssen wir unser Alles hergeben, unseres Wesens innersten Kern, unsere Seele selbst. Der Allmächtige verlangt von Seinen Geschöpfen: „Gebt Mir alles, auch eure Seele!“, und vor Gott, unserem Schöpfer, dürfen wir nichts zurückhalten. Als Gegenwert für das, was wir Ihm geben, erhalten wir unsagbare, nie zuvor beschriebene Schätze. Es fällt ein Regentropfen vom Himmel: Er enthält nur ein ganz wenig Wasser. Der Tropfen spricht: „Ich schenke mich dem Ozean.“ Wie er aber in den Ozean einmündet, wird das ganze Meer ein Teil von ihm. Er gibt dem Ozean sein Alles, dann spricht zu ihm der Ozean: „Ich bin jetzt dieser Tropfen, nie werde ich ihn wieder von mir lassen – er ist ein Teil von mir.“ Und der Tropfen spricht: „Jetzt bin ich Meer ...“ So wird es auch uns ergehen, wenn wir uns unserem Herrn ganz hingegeben haben: dann gibt sich unser Herr auch uns. Wenn wir sagen könnnen: „Wir sind jetzt ganz für unseren Herrn da“, dann sagt unser Herr: „So wie du für Mich bist, so bin Ich jetzt auch für dich.“ Dann werden wir unser Ziel erreicht haben und in die unendlichen Ozeane einmünden. Was, also, ist der Weg? Der Weg der Gnosis ist der Weg der Selbsterkenntnis; das ist unser Weg. Wir erhoffen von unserem Herrn, daß Er in unserem Herzen Weisheit sprießen läßt, die uns lehrt, standhaft zu sein und uns ohne zu zögern unserem Herrn hinzugeben. In diesem Geben und Empfangen auf dem Weg der Lehre liegt eine Weisheit, die wir alle nötig haben. Als nächstes tritt die Frage auf nach dem „Wie“ – wie können wir uns unserem Herrn vollständig hingeben? Vielleicht, indem wir uns eine Kugel durch den Kopf jagen oder ein Schwert durch den Leib stoßen? Unsere Methode ist das sicherlich nicht. Alles, was von uns verlangt wird, ist dies: daß wir tun, was unser Herr uns befiehlt, und unterlassen, was Er uns nicht zu tun befiehlt. Dies ist eine Beschreibung der vollkommenen Hingabe an Allah. Es bedeutet, daß wir unseren Willen ganz dem Seinigen unterstellen, so daß wir nichts wollen, außer was Er will, und nichts nicht-wollen, außer was Er nicht-will. Ein Sprichwort sagt: „Folget Seinem Willen, wie der Schatten der Bewegung eines Körpers folgt.“ Wenn du deinen Willen zum Schatten des Willens deines Herrn gemacht hast, dann bist du auf dem rechten Weg. Sooft dein Wille dem Willen deines Herrn widerspricht, kannst du erkennen, daß du dich noch nicht voll deinem Herrn überantwortet hast; daß noch dein niederes Ich dich übervorteilt und betrügt und du seinen 3 Klauen noch nicht entronnen bist. Du mußt versuchen, dich aus der Umklammerung des Egos zu befreien, um dich ganz in Allahs Hände aufzugeben. Wenn die Hingabe vollkommen stattgefunden hat, spricht Allah: „O Mein Diener, du bist für Mich und Ich bin für dich.“ Diese Station ist nicht leicht zu erreichen. Es bedarf dazu einer Ausbildung; das bedeutet, daß der Mensch der Führung durch einen spirituellen Ausbilder bedarf. Wenn ich einen Menschen als meinen geistigen Führer akzeptiere, so unterstelle ich meinen Willen dem Seinigen – so wie er will, will auch ich. Nach fortgeschrittenem Training unter meinem „Grundausbilder“ kann ich vielleicht den nächsten Schritt tun. Ich werde dann gelernt haben, wie ich dem Willen des Propheten folgen soll, ich habe dann sagen gelernt: „Wie du willst, o mein Prophet!“ Dieser lehrt mich dann letztlich, wie ich meinen Willen in Einklang mit dem Willen des Allmächtigen bringen kann, so daß ich dann sage: „O mein Herr, wie Du willst.“ Bis daß diese Station – die Station des Friedens – erreicht ist, leistet der Diener Widerstand und wehrt sich gegen den Willen seines Herrn. „Dies gefällt mir, aber jenes nicht.“ Hat er aber die Station des Friedens erreicht, so läßt er den Kampf gegen seinen Herrn sein und wird keine Einwände oder Beschwerden mehr von sich vernehmen lassen: „Wie Du willst, o mein Herr ...“ Wenn er auf dieser Stufe angekommen ist, antwortet ihm sein Herr: „Wie du willst, o Mein Diener.“ Dann wird es keine Polarität mehr geben, kein „Ich“ oder „Du“, es ist die Stufe der Einheit. Ewige Freude und ewiger Frieden sind der Lohn des Dieners, der sich vollkommen seinem Herrn ergeben hat.

- 01.07.1991
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