Maulana Sheikh NazimWenn wir gehen, nehmen wir nichts mit
Jesus Christus und seine Schüler zogen eines Tages übers Land. Als es zu dunkeln begann, ließen sie sich in der Nähe bebauter Felder nieder, um dort die Nacht zu verbringen. Die Jünger hatten großen Hunger und fragten Jesus Christus, woher ihre Abendmahlzeit kommen sollte. Jesus riet ihnen anfänglich zur Geduld, Gott der Allmächtige werde sie schon versorgen; als er aber ihre große Ungeduld erkannte, erlaubte er ihnen, von dem nächstgelegenen Kornfeld einige Ähren zu brechen, um daraus ein Mahl zuzubereiten. So machten sich die Jünger daran und brachen das Korn. Kaum aber hatten sie damit begonnen, da kam der Besitzer des Ackers voll Zorn herangeeilt und verlangte zu wissen, mit wessen Erlaubnis sie sein Korn stählen. Die Jünger bemühten sich zu erklären, sie seien die Gefährten des Propheten Jesus Christus, der ihnen erlaubt hätte, einige Ähren zu brechen, um ihren Hunger zu stillen. Aber der Mann wiederholte nur wütend: „Ich bin der Eigentümer dieses Ackers, nicht euer Prophet, und er hat kein Recht, darüber zu verfügen!“ Währenddessen war Jesus selbst leise hinzugetreten und sprach zu dem vor Zorn bebenden Mann: „Wer, sagtet ihr, sei der Besitzer dieses Feldes?“ Der Mann gab seine entrüstete Antwort: „Wer außer mir sollte der Eigentümer sein? Ich bin der Alleinbesitzer dieses Ackers – und jetzt macht, daß ihr fortkommt, allesamt, sonst hetze ich die Hunde auf euch!“ Da betete Jesus zu seinem Herrn: „O Herr, laß all diejenigen auferstehen, die seit Anbeginn der Zeit behauptet haben, Besitzer dieser Ländereien zu sein.“ Gott der Allmächtige erhörte das Gebet dieses großen Propheten, und alsbald war der Acker so dicht bestanden mit Menschen, wie er vordem voller Ähren und Halme gewesen war. Alle stießen und traten sich gegenseitig und schrien einander an: „Was suchst du hier auf meinem Land? Fort mit dir!“ „Was soll das heißen“, widersprach ein anderer, „dies hier ist mein Acker, ich habe ihn von meinem Vater, Fulan, geerbt.“ „Was erzählst du nur für Dummheiten“, sagte wieder ein anderer, „Fulan ist mein dreijähriger Enkel, wie könnte er dein Vater sein – verschwinde von hier, du mit deinen Lügen!“ Und auf diese Weise fuhren die auferstandenen Akkerherren fort, miteinander zu streiten – bis sie urplötzlich wieder dahin verschwanden, von wo sie gekommen waren, und den gegenwärtigen ‚Besitzer‘ allein und staunend zurückließen. Dank dieses Wunders Jesu begriff der Mann die Hinfälligkeit seines Besitzanspruches und ließ die Jünger soviel Korn pflücken, wie sie nötig hatten. Wir danken Allah dem Allmächtigen, daß die Menschen diese Welt und dieses Zimmer betreten und auch wieder verlassen, denn, wären alle hiergeblieben, so hätten wir nicht einmal Platz zum Stehen. Und wir sind Ihm auch dafür dankbar, daß die Leute, die uns besuchen kommen, wieder fortgehen, ohne von Einrichtung und Mobiliar etwas mitzunehmen. Ginge nämlich der eine mit dem Polster, der andere mit dem Tisch fort, was bliebe dann für uns? Gar nichts! Alexander der Große Ich will euch eine Geschichte von Alexander dem Großen erzählen. Alexander starb im Alter von 36 Jahren, also noch als junger Mann. Er berief all seine Generäle an sein Sterbelager und sprach zu ihnen: „O meine Feldherren und Generäle, wie ihr seht, befinde ich mich in den letzten Zügen, und ich bin zum Sterben bereit; nur einen letzten Wunsch möchte ich noch aussprechen. Wenn ich gestorben bin und ihr mich in meinen Sarg bettet, so bitte ich euch, daß ihr, entgegen der üblichen Sitte, meine Hände aus dem Sarg herausragen laßt und sie nicht über der Brust faltet.“ Die Feldherren wunderten sich und fragten ihn: „Warum, o Alexander, wünschst du diese merkwürdige Art der Bestattung?“ Er antwortete ihnen: „Die Menschheit soll wissen, daß nicht einmal Alexander der Große im Sterben etwas mit sich nehmen konnte; daß auch er diese Welt mit leeren Händen wieder verlassen mußte, so wie er gekommen war.“ Alexander war einer von nur vier Männern in der Weltgeschichte, denen die Eroberung der ganzen damals bekannten Welt gelungen war – die ganze Welt mit all ihren Schätzen lag ihm zu Füßen; und doch konnte er nichts davon in den Tod mitnehmen. Wie sollte es uns anders ergehen, die wir nicht einen Bruchteil dessen besitzen, was Alexander besaß? Was sollen wir mit uns fortnehmen können? Bei den Christen zieht man den Verstorbenen meist reine, neue Kleider an, damit sie für die Leichenfeierlichkeiten und das Begräbnis gut angezogen sind. Im Islam kennen wir diesen Brauch nicht. Der Islam lehrt uns, an den Toten keine Verschwendung zu treiben mit dem, was die Lebenden besser gebrauchen können ... Wir geben dem Toten nicht einmal seinen Ehering mit, aus Angst, daß ihn Grabräuber in seiner Ruhe stören könnten, sollte es bekannt werden, daß Gold im Grabe liegt. Aber die wenigsten Leute scheinen zu bedenken, daß sie an ihrem Lebensende mit leeren Händen an ihr offenes Grab gebracht werden. In dieser Riesenstadt sieht man die Menschen herumirren wie die Fische im großen Meer: mit weitaufgesperrtem Maul, als ob sie den Ozean ganz verschlucken möchten. So laufen hier alle herum, bemüht, jeden Genuß, den London zu bieten hat, auszukosten – am liebsten würden sie gleich ganz London verschlingen, nur ist ihnen das nicht möglich. Vor allem die jungen Leute sieht man immer größerer Genußsucht verfallen, während die Alten, von unentwegtem, übergroßem Genuß bereits träge, matt und stumpf geworden sind. Das Ende steht für alle fest und ist unausbleiblich: allen Genuß-Suchern, die vor Gier in Ozeanen von Genüssen ertrunken sind, wird eines Tages der Leichenbestatter die nach immer neuen Vergnügungen ausspähenden Augen zudrücken – aus der Traum, alle landen im Sarg. Auch wir werden dereinst sterben.
London - 01.04.1981
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