Maulana Sheikh NazimWie ein Fisch im Ozean
Eines Tages nach dem Zuhr-, dem Mittagsgebet, erlaubte Sheikh Nazim seinen Muriden, alle Fragen zu stellen, die sie wollten. Es waren vorwiegend Europäer und Amerikaner, die die Gelegenheit nutzten, den Sheikh über Schwierigkeiten zu befragen, denen sie in ihrer Heimat beim Versuch begegneten, seine Lehren in die Tat umzusetzen:
„Sheikh Nazim, welches ist unser Job in Amerika? Warum müssen wir dorthin zurückgehen und dort leben, entfernt von dir und deinen Lehren?“

„Allah der Allmächtige erschuf diese Welt“, so antwortete der Sheikh. „Hier um euch herum seht ihr die Stadt Damaskus. Hier gibt es vielleicht einhunderttausend Häuser. In jedem Haus gibt es einige Menschen. Die Leute sind nicht ohne Anordnung verteilt, sondern dazu bestimmt worden, jeder auf seinem eigenen Platz zu sein. Diese Leute müssen an jenem Platz Tür an Tür mit einigen anderen Leuten leben. Sie können nicht auch an diesem Ort hier sein. An jedem Platz mögen wohl auch verschiedene Räume sein, und in jedem Raum verschiedene Leute. Der heilige Prophet, der Friede sei auf ihm, sagte: „‚Allah erschuf die Menschen und gab einem jeden einen eigenen Platz.‘“ Deshalb entschied Allah für die Syrier, daß sie in Syrien leben, für die Türken, in der Türkei, für die Amerikaner, in Amerika zu leben, und so weiter. Jeder in seinem Land. In Indien, Madagaskar, an jedem Ort lebt einer, den Allah dorthin bestimmt hat. Er, der Allmächtige, hat es entschieden. Er, der Allmächtige, bestimmte sie dazu. Unser Herr bestimmt auch, wenn sie sich von dort wegbewegen, das Reisen ebenso. Einige Reisen sind zeitlich begrenzt, einige fortwährend. Alle werden durch die Göttliche Weisheit geleitet. Allah der Allmächtige bestimmte unsere Atemzüge – wann, wo und wie viele. Wir müssen dort sein, wohin er diese Atemzüge bestimmt hat. Deshalb wirst du in deinem Heimatland sein, so wie dein Schöpfer für dich bestimmt hat, dort zu sein. Wichtig für jeden Diener, der seinen Herrn kennt, an Ihn glaubt und Ihn liebt, ist es, überall und allzeit mit Ihm zu sein! Wenn ein Diener in Liebe, mit Glauben und Gehorsam bei seinem Herrn ist, wird sein Herr immer mit ihm sein, mit Seiner Barmherzigkeit, Seinem Schutz und Seiner Hilfe! – Genug?“

„Warum werden wir in unseren Herzen dann gestört?“ fragte ein Schüler.

Und Sheikh Nazim antwortete: „Störungen kommen, wenn ihr die Verbindung zu eurem Herrn vergeßt, wenn ihr Seine Barmherzigkeit vergeßt. Wenn die Leute vergessen, daß sie in Meeren der Barmherzigkeit schwimmen, geraten alle Störungen und Leiden in ihre Herzen. Sie sind dann wie Fische auf dem Trockenen. Wenn du glücklich sein willst, mußt du dich immerfort daran erinnern, daß du in den Meeren der Barmherzigkeit bist. Dies ist ein schöner Punkt, eine wichtige Sache. Ihr müßt aufpassen.“

„Ich weiß es von meinem Kopf her, aber in meinem Herzen weiß ich es nicht immer.“

„Ja! ... insha’allah.“

„Gibt es etwas Besonderes, was wir tun könnten, z. B. lehren?“

„Lehrt euch selber!“ entgegnete Maulana. „Lehrt euch selber, daß ihr euch für immer im Meer der Barmherzigkeit befindet. Nicht andere belehren! Das ist ein Job für alle Leute, nicht nur für Amerikaner. Du wirst wie ein Fisch im Ozean sein, der voller Freude im Wasser schwimmt, denn außerhalb wird er sterben. Warum verlaßt ihr dieses Meer? Ihr seid verrückte Leute!“

„Was ist, wenn Leute danach fragen, was wir tun?“

„Ihr schwimmt in Meeren der Barmherzigkeit. Deshalb seid ihr überall glücklich.“

„Sheikh Nazim, sind diese Lehren, diese Worte, nur für uns? Sind sie nur für deine Muriden oder können auch andere sie lesen?“

„Sie sind für alle. Denn niemand wird kommen und diese Lehren hören oder diese Worte lesen, wenn er nicht ein Versprechen von Allah dem Allmächtigen in der spirituellen Welt hat. Dieses Versprechen wurde am Tag des Versprechens in der Göttlichen Gegenwart gegeben, bevor er auf diese Welt kam. Niemand kann diesen Worten zuhören noch sie lesen, es sei denn, daß er zu dieser Gruppe zählt. Macht euch über das keine Sorgen.“

„Mit anderen Worten: Wenn einer dies liest, ist es ein Zeichen?“

„Ihr müßt wissen, daß er geschickt wurde“, so Sheikh Nazim. „Wer geschickt wird, wird zu euch kommen. Er wird kommen und zuhören und es nehmen! – Ist das klar genug?“

„Danke schön. Ich habe jetzt eine Frage dazu, wie wir uns kleiden sollen. Sollen wir Sunna-Kleidung tragen, Turbane und so weiter, wenn wir zurück in unserem Land sind?“

„Wenn ihr in eurem Haus seid, mit eurem Herrn allein, kleidet euch so (er deutet auf seine eigene Kleidung: lockere Hosen, Jacke, Turban). Wenn ihr mit anderen Leuten zusammen seid, zieht euch wie sie an. Wer nur für Allah arbeitet, kann sich kleiden, wie er will. Wer in der Welt arbeiten muß, mit anderen Leuten, muß wie sie sein. Zum Jum‘a, zum Gottesdienst und wenn ihr zu Hause seid, allein mit eurem Herrn, könnt ihr Turbane aufsetzen und Sunna-Kleidung tragen.“

„Sheikh Nazim, es ist in den Hadithen geschrieben, und wie du uns erklärtest, daß es jetzt Zeichen in der Welt gibt, daß der Große Krieg schnell näherkommt. Welche Vorbereitungen können wir treffen für dieses schreckliche Ereignis? Sollen wir versuchen, eine Art von Schutz aufzubauen, eine Gemeinschaft, einen Rückzug?“

„Wir sagen“, so der Sheikh, „daß es Schutz für jeden geben wird, der mit seinem Herrn ist. Wir bitten um Schutz bei Allah dem Allmächtigen. Ein anderer Schutz wird nicht ausreichen, er wird überhaupt nicht ausreichend sein während dieses Krieges. Unsere ‚Arche Noah‘ ist in unseren Herzen! Du wirst keinen Schutz ohne den Schutz unseres Herrn finden.“

„Was können wir für unsere Konzentration tun? Kannst du uns irgendwelche Techniken empfehlen, die uns vor dem Vergessen bewahren, daß wir uns in den Meeren der Barmherzigkeit befinden?“

„So wir Anfänger sind“, entgegnete der Sheikh, „müssen wir alle vierundzwanzig Stunden 1.500 mal in unseren Herzen ‚Allah, Allah, Allah ...‘ erinnern. Einmal täglich sollst du auch deines Herzens Dhikr hören. Wenn du ihm lauschst, kannst du dein Herz ‚Allah, Allah, Allah ...“ sagen hören.“

„Ist dieser Dhikr von dem Wort unterschieden, das wir jeden Tag sagen?“

„Es ist auch ein Wort“, sagte Maulana. „Es ist ein wichtiges Wort, wichtiger als der Dhikr unserer Zungen. Dies gibt dem ganzen Körper Konzentration.“

„Welches ist die beste Zeit dafür?“

„Nach Mitternacht; tahajjud. Mach zuerst zwei Raka’at, dann setz dich hin und lausche 1.500 mal dem Dhikr deines Herzens. Minimum für das tahajjud-Gebet sind zwei Raka‘at, das Maximum acht. Das witr-Gebet beten wir nach ‘isha’. Vielleicht können wir nicht erwachen, bevor die Zeit für das witr-Gebet vorbei ist. Deshalb beten wir witr vorsichtshalber direkt nach ‘isha’, das ist besser. Man kann tahajjud nach dem Witr beten. Das ist erlaubt. Wenn ihr, wie ich euch erzählte, dem dhikr eures Herzens lauscht, wird eure Konzentration wachsen, bis dahin, daß dieser Dhikr, die Erinnerung eures Herrn, vierundzwanzig Stunden am Tag anhält! Ich gebe euch Erlaubnis, wie mein Großsheikh mir dazu Erlaubnis erteilt hat.“

„Danke sehr.“

„Erlaubnis – das heißt Erlaubnis, von der ‚Elektrizität‘ aus dem Zentrum zu nehmen, das sie uns eröffnen. Als mein Großsheikh mir Erlaubnis gab, öffnete er solch eine Kraft von seinem Herzen zu meinem Herzen.“

„Dies ist vielleicht eine zu große Frage für einen Anfänger, aber ich stelle sie trotzdem.“

„Was für eine?“

„Als ich dich erstmals traf, in London, erzählte man mir, daß du mir erscheinen könntest, wo immer ich bin, und ich es ausprobieren sollte. Ich habe verschiedene Dinge versucht, aber bislang ohne Erfolg. Kannst du mir sagen, wie ich es machen soll?“

„Ah, ja! Du kannst das machen. Du kannst es mit deinem Herzen tun. Wenn du einer Sache bedarfst, mag dein Herz in Verbindung mit mir treten. Jederzeit!“

„Gibt es da keine speziellen Worte, die ich sagen, oder irgendwelche besonderen Techniken, die ich anwenden muß?“

„Du kannst rufen: ‚O mein Sheikh! O mein Großsheikh! Erreiche mich, ich bin in Schwierigkeiten, ich bedarf deiner Hilfe!‘ Dein Großsheikh ist ‘Abdullah ad-Daghistani – möge Allah mit ihm zufrieden sein. Es reicht, ihn zu rufen.“

„Was sollen wir für Vorbereitungen treffen, wenn du nach Amerika kommst? Sollen wir etwas einrichten für Lectures, TV? Wir haben bisher noch nicht mit Hollywood gesprochen!“

„Kino? Einmal kamen einige Leute nach Zypern, die ein großes Photo von mir mit Turban machten. Dann kamen einige Filmemacher und suchten mich, um einen Film über Moses mit mir zu machen! Glücklicherweise war ich abwesend. Wenn ich in Zypern gewesen wäre, hätten sie mich geschnappt und nach Amerika mitgenommen, um einen Film mit mir zu machen!“

„Besser als Charleton Heston?“

Sheikh Nazim strich über seinen langen weißen Bart: „Viel besser!“ Dann fügte er hinzu: „Wir – unser Weg, ist es, Schritt für Schritt Allah zu folgen, Er öffnet uns den Weg. Deshalb benutzen wir nicht so viele Programme, planen wir nicht so viel, dies oder das zu tun. Wir leben dementsprechend, wie die Befehle unseres Herrn erscheinen, und Er schickt uns Seinem Willen entgegen. Deshalb wird es, wenn wir nach Amerika kommen, Stück für Stück klar werden, wie wir handeln sollen. Wir werden nicht jetzt entscheiden, sondern eine Entscheidung wird so bald wie möglich durch den Willen unseres Herrn kommen. Deshalb machen wir uns über diesen Punkt keine Sorgen. Das ist einfacher für uns.“

„Wenn es an uns liegt, etwas für dich zu tun, wollen wir es tun. Wenn es darum geht, Geld zu besorgen, um dir ein Ticket zu senden und zu sagen: ‚Sheikh Nazim, komm!‘, wollen wir alles für dich tun; das werden wir.“

„Danke! Wenn mein Herr mich in euer Land schicken will, wird Er mich senden, und auch ein Ticket! Ich warte auf Seinen Befehl.“

„Worin liegt die Verantwortung unserer Frauen?“

„Darin, jeden Tag dreimal Shahada zu sagen und jederzeit sauber zu sein. Und, für Anfänger, eine Sajda, Niederwerfung, fünfmal am Tag zur Zeit der regulären Gebete zu machen. Zu jedem Gebet nur eine Niederwerfung. Das ist genug.“

„Was ist, wenn sie das ganze Gebet machen wollen, ist das in Ordnung?“

„Für Neue ist eine Sajda ausreichend. In dem Maße, wie sie fortschreiten, werden sie fragen. Dieser Befehl ist von meinem Großsheikh. Auch sollten sie nur Gläubige lieben, keine Ungläubigen. Sie sollten mit Gläubigen zusammensitzen, nicht mit Ungläubigen.“

„Was ist mit den Eltern? Was ist, wenn sie Ungläubige sind?“

„Was ich sagte, bezog sich auf andere Leute. Eure Eltern müßt ihr immer respektieren!“

„Ich hatte eine Menge Körpertraining gemacht – Laufen, Gewichtheben und so weiter. Ist das gut?“

„Warum tust du das – um stärker zu sein als Tiere? Schneller als Tiere? Wenn es eine Ehre wäre, schwere Gewichte zu heben, dann würden wir Medaillen an Esel verleihen! Warum diese Dummheit, diese Verrücktheit?“

„Ich denke, du hast die Frage beantwortet!“

„Das heißt nicht, daß wir nicht Spiele machen oder Kriegsspiele üben sollten. Das ist Sunna. Gehen, Schwimmen, Pferde reiten, Schwerter und Schießen – diese sind Sunna. Aber das schönste Spiel ist das Spiel mit deiner Frau!“

„Was ist zu Martial Arts zu sagen, Karate und Judo?“

„Das ist zu viel. Du mußt deine Kraft nützlichen Dingen widmen. Hast du frei, mußt nützlichen Dingen einige Zeit geben wie zum Beispiel gärtnern und pflanzen. Das ist sehr gut. Im Islam gibt es keine Verschwendung von Zeit. Jede Handlung soll einen Nutzen bringen. Es ist schlecht, herumzusitzen. Alle oder wenigstens die meisten Krankheiten kommen daher, daß man zu lange herumsitzt, ohne sich zu bewegen. Deshalb werden Spiele und nützliche Arbeit gut für euch sein. Auch müßt ihr euch jedes Wochenende an einem guten Platz mit Freunden versammeln, um miteinander zu reden und halal, Erlaubtes, zu tun. Nicht zum Predigen! Kein tabliq! Es muß ein einfaches Treffen sein, ein Treffen von Freunden. Es ist genug, einfach Freunde zu gewinnen. Wenn Leute euch mögen und respektieren, werden sie kommen. Wenn wir predigen, wird die Last für ihre Egos zu schwer sein! Wir sind nicht Jamat al- Tabliq! Leute können keine schweren Bürden tragen!
Damaskus - 01.01.1979
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